Jennifer Benkau

Jennifer Benkau

Komm doch einfach mal mit.
Ich habe diesen Satz in den vergangenen Monaten hundertmal gesagt. Er war hundertmal ehrlich gemeint. Wenn du dich besorgt nennst oder Angst hast, vor „denen“, weil man ja so viel hört, weil man ja so viel liest, weil der Schwiegertochter von der Tante der Facebookfreundin deines Nachbarn ja Entsetzliches widerfahren sein soll oder weil „die“ ja „grundsätzlich keiner Frau die Hand reichen“, dann bitte: Komm doch einfach mal mit in die Notunterkunft. Dort, wo die Geflüchteten Feldbetten in der Turnhalle stehen haben und sich mit fünfzig Männern, Frauen und Kindern zwei Toiletten und eine Dusche teilen, und niemand schlafen kann, wenn nur ein einziges Kind die ganze Nacht lang hustet. Dort, wo zwanzig Augenpaare strahlen, wenn du ein Röhrchen Seifenblasen dabei hast oder ein paar Luftballons. Dort wo Männer und Frauen schon eine halbe Stunde vor Beginn des Unterrichts sitzen, und auf ihren ersten, dilettantisch von Freiwilligen gegebenen Deutschkurs warten. Dort, wo Teenagerjungs verschämt um Dinge bitten, wie einen Kamm oder ein Deo.

Komm doch einfach mal mit. Aber ich muss dich warnen. Es ist gefährlich dort. Deine Vorurteile könnten zerplatzen. Deine Auffassung, etwas Besseres zu sein, könnte auf der Strecke bleiben. Womöglich kannst du lange nicht mehr schlafen, wenn du feststellst, dass die junge Mutter, die ihr Baby unter Lebensgefahr hierher brachte, weil ihr das Mittelmeer der liebere Tod gewesen wäre als die Fassbombensplitter, dir ähnlich ist. Ihr hört sogar dieselbe Musik.

Komm doch einfach mal mit. Hundertmal. Und hundertmal hundert Ausreden, weil es einfacher ist, „Besorgter Bürger“ zu sein. Dazu reicht ein Klick bei Facebook.
— Jennifer Benkau
 
Doris Bewernitz

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Rusalka Reh

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