Björn Kern

Björn Kern

Foto: Suskia

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Flüchtlingskrise im Oderbruch
Vor einigen Tagen laufe ich die Dorfstraße entlang. Es ist dunkel, niemand ist mehr unterwegs, im matten Licht der Laternen. Dann stellt sich mir ein Mann in den Weg, er ist mit Tüten und Taschen beladen. Ich sehe, dass ihm ein Auge fehlt. Der Mann hält mir ein Stück Papier entgegen. Land Brandenburg, lese ich, sowie die Adresse der Erstaufnahmestelle, in die man ihn schickt: Seelower Str. 7 in 15374 Müncheberg.

Der Mann befindet sich aber nicht in Müncheberg, sondern in einem Dorf bei Seelow. Niemand hat ihm erklärt, welcher Teil einer Adresse in Deutschland den Ort und welcher die Straße bezeichnet. Verzweifelt sackt der Mann in sich zusammen. Ich fahre ihn auf den Zug nach Müncheberg. Er erreicht ihn in letzter Sekunde. Zuhause im Internet erfahre ich, dass seine Aufnahmestelle fünf Kilometer vom Bahnhof Müncheberg entfernt liegt.

Es regnet in dieser Nacht. Eine Woche später, am Bahnhof Frankfurt/Oder, will ein Mann in den letzten Zug Richtung Eberswalde. Auch er ist mit Tüten und Taschen beladen. Auch er hält der Schaffnerin ein Stück Papier entgegen. Camp full, ruft er immer wieder. Die Schaffnerin lässt ihn einsteigen. In Seelow verlässt er den Zug. Als die Türen sich bereits wieder schließen, ruft er der Schaffnerin nach: But where is the camp? Die Schaffnerin hat sich anständig verhalten, aber wo das Camp ist, weiß sie so wenig wie ich. Wir fahren ab.

Ich bin wütend und fühle mich hilflos. Eine weitere Woche später brennen im benachbarten Neuhardenberg zwei Autos eines Willkommensvereins für Flüchtlinge. Im Ort mit dem berühmten Schloss kleben Zettel mit der Botschaft, Flüchtlinge seien nicht willkommen. Die Flüchtlingskrise findet nicht mehr in den Radionachrichten, sondern in meiner Nachbarschaft statt. Einen Ausschaltknopf gibt es nicht mehr.
— Bjoern Kern
Saskia Hula

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Beate Maxian

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