Alice Spogis

Alice Spogis

Foto: AJ Spogis

Foto: AJ Spogis

Du hast ein Leben. Vielleicht Familie, Kinder. Menschen, die dir wichtig sind, ein Dach über dem Kopf, kommst zurecht.
Dann passiert das Unfassbare. Krieg, Zerstörung, Folter, unsagbarer Schmerz.
Deine Unterkunft wird zerbombt, man schießt auf dich, deine Liebe wird ermordet oder deine Tochter geschändet, deinem Sohn der Arm weggeschossen. Es gibt nur noch das Grau, die Trostlosigkeit, klaffende Wunden, nirgendwo ein Licht.
Das Leben, das du kanntest, hat aufgehört zu existieren. Auch du vegetierst nur noch. Es gibt keine Arbeit mehr und es gibt keine Nahrung. Deine Familie isst aus lauter Verzweiflung den Hund und die Blätter der letzten Bäume, weil ihr zum wertlosen Spielball zwischen den Kämpfenden geworden seid. Ihr duckt euch zwischen den Trümmern und seid starr vor Angst.
Du liebst deine Heimat, hier bist du aufgewachsen, hast deine Wurzeln. Und dennoch triffst du schweren Herzens eine Entscheidung, weil du nicht sterben und die Deinen nicht verrecken sehen willst: Flucht. Die einzige Chance.
Du kratzt dein letztes Geld zusammen. Nimmst mit, was dir wichtig ist. Gehst mit hunderten anderen auf ein rostiges Schiff, das du teuer bezahlst. Vielleicht mit deinem Leben. Bist wieder nur ein Spielball. Diesmal der Wellen, der Schleuser und der Politik. Freust dich über Regen, auch wenn du ihm ungeschützt ausgesetzt bist, weil es bedeutet, dass du nicht verdursten musst. Im Arm hältst du dein weinendes Kind.
Zu den Glücklichen gehörst du, wenn du halbtot irgendwann Land erreichst. Doch dort, wo du bist, will dich keiner haben. Du musst weiter gehen. Tagelang. Wochen. Frierend, hungrig und mit zerschundenen Füßen, vielleicht sogar barfuß. Deine Kinder sprechen schon lange nicht mehr und du bist nur noch ein Schatten.
Oft hast du daran gedacht, dich einfach auf den Boden fallen zu lassen. Aber dein Überlebenswille ist stärker. Und so gehst du weiter, bis du auf Menschen triffst, die noch wissen, was das bedeutet, auch wenn du diese Hoffnung fast verloren hattest.
Jeder Mensch, der bei gesundem Verstand ist und liebt, würde das tun.
Und jeder Mensch, der bei gesundem Verstand ist und liebt, wird dir helfen.
— Alice Spogis
Regine Kölpin

Regine Kölpin

Sabine Trinkaus

Sabine Trinkaus