Wo die Vögel kreisten, waren die Inseln nicht weit

Wo die Vögel kreisten, waren die Inseln nicht weit

von Martin von Arndt

Foto: Ansgar Noeth

Foto: Ansgar Noeth

 

1

Er mußte durch den Fluß. Das war das einzige, was er wußte, als das Kläffen und das Bellen immer näher kamen.

Durch den Fluß. Im Wasser verlieren die Hunde ihre Witterung. Es gab hier weit und breit keine Brücke. Bis seine Verfolger auf der anderen Seite wären, wäre er längst weg. Bis sie die auf der anderen Uferseite informiert hätten, wäre er längst weg. Wohin auch immer. Zurück in seine Wohnung konnte er nicht mehr.

Er lief einige Schritte, aus einem Häuserschatten in den nächsten.

Vorausgesetzt, daß er sich recht erinnerte. Vorausgesetzt, daß es hier keine Brücke gab. Vorausgesetzt, daß er wirklich war, wo er zu sein dachte. Wochenlang hatten er und sein Freund versucht, den Stadtplan auswendig zu lernen, sich die Fluchtwege einzuprägen. Nach den Schüssen wollten sie in den Bauch dieser Stadt, hinein in die Menschenmenge, die aus den Lichtspielhäusern strömte. Dr. Mabuse. Unter Menschen waren Menschen nicht zu finden, selbst wenn sie flüchteten. Aber dann kam alles anders, sie rannten in die falsche Richtung. Diese Stadt war wie ein fremdes Tier, das sich zur Beute niedersetzt. Sie breitete sich nicht entlang des Flusses aus wie die Orte in seiner Heimat. Des Flusses, an dessen Namen er sich nicht erinnern konnte. Ein Fluß, der keine Lebensader war. Einer, der die Bewohner dieser Stadt nicht interessierte, außer wenn sie ihren Müll hineinwarfen.

Die Rufe. Das Bellen. Aus verschiedenen Richtungen. War es näher gekommen?

Er lief einige Schritte, aus einem Häuserschatten in den nächsten.

Der Schweiß rann ihm ins Gesicht. In den Nacken. Er lockerte die Krawatte mit Händen, die eine rotierende Bewegung machten. Sie gehorchten ihm nicht. Ebensowenig die Beine. Die Fußsohlen brannten, seine Oberschenkelmuskeln waren hart. Im Laternenlicht hatte er gesehen, daß die Weste voller Blutspritzer war. Er mußte sie verbergen, wenn er auf der anderen Seite wäre. Die Menschen würden sofort erkennen, daß es Blut war. Blut erkannten sie sofort. Sogar in der Nacht. Besonders fremdes. Sie witterten es. Sie sahen ihm ins Gesicht und wußten, daß es nicht sein Blut war.

Wenn sie ihn erwischten, drohte ihm die Todesstrafe.

Hatte er Angst davor, hingerichtet zu werden? Hatte er nicht den Genossen geschworen, seinen Tod nicht zu fürchten?

Ja. Aber das war vor Monaten. In einer anderen Stadt, in einem anderen Land. Er wollte nicht in dieser Stadt sterben. In diesem Land. Unter fremden Menschen, die in fremden Lauten sprachen.

Das war das Stichwort. Seine Beine setzten sich wie von selbst in Bewegung, er lief fünfzig, sechzig Schritte in Richtung der Dunkelheit, hinter der er den Fluß vermutete. Jedes Auftreten der Füße auf dem Pflaster schmerzte. Die Bronchien pfiffen, er bekam kaum genug Luft, um seinen Körper aufrechtzuerhalten. Er hatte zu viel geraucht, den ganzen Tag über. Besonders in der Stunde vor dem Attentat. Hatte die letzte Zigarette erst auf die nassen Steine geworfen, als sein Freund »Sie sind’s!« flüsterte und sie der Zehnergruppe folgten. Die Kippe war mit einem leisen Zischen ausgegangen. Das war das letzte, was er hörte. Dann nur noch weißes Rauschen. Als ob er Watte in den Ohren hätte. Oder den Kopf unter Wasser. Sein Blut rauschte. Der erste Schuß wie in Watte. Der zweite. Die durcheinanderschreienden Frauen, fast lautlos, das Stöhnen des Freundes, der unter einem der Körper zusammensank. Seinen eigenen Schuß wie aus unüberbrückbarer Ferne. Erst die Hunde hatten die Watte herausgebellt.

Er knickte um, zwang sich, zwischen zwei Häusern stillzustehen, Deckung zu suchen. Er bekam keine Luft mehr, sank an der Häuserwand hinab, in die Knie. Sein Kopf drehte sich, ihm wurde schwarz vor Augen. Er hatte sich übernommen, fiel nach vorn, auf seine ausgestreckten Hände, wie ein Muslim in Gebetshaltung.

So übergab er sich, mit rasselnden Lungen.

 

2

Er konnte nicht sagen, wie lange er schon so dalag, auf die rechte Seite gekippt, die Beine angewinkelt. Überall am Körper spürte er die Bodennässe. Noch immer war das Jaulen in der Luft. Kein Mensch auf der Straße, im ganzen Viertel hatte er niemanden gesehen. Es mußte weit nach Mitternacht sein.

Spree hieß er. Der Fluß. Wenigstens das wußte er wieder.

Er wischte sich über den Mund, der Atem jagte noch immer, aber er fühlte sich ein wenig besser. Er mußte sich orientieren. Das war jetzt das Wichtigste. Sich orientieren, dann durch den Fluß.

Atemwolken vor seinem Gesicht. Die Nächte waren noch immer eiskalt, und der April ging schon seinem Ende entgegen. Tagelang hatte es geregnet, nur jetzt nicht, jetzt, da er den Regen dringend brauchte. Wegen der Spuren am Tatort. Wegen der Mistköter.

Lag der Fluß überhaupt in dieser Richtung? Die Lichter der Stadt sah er hinter sich, vor ihm tat sich das Schwarz auf, das ihn aufnehmen konnte. Vorsichtig tastete er sich dorthin weiter, tastete sich ins Dunkel. Bald schon fühlten seine Hände Holzschindeln, gut so, weiter!, abknickende Holzschindeln, weiter!, hinter der Ecke sah er Werbung für eine Bierfirma, auf die das blakende Licht der letzten Straßenlaternen fiel. Er erkannte ihn wieder, den Kiosk am Ufer. Mit seinem Freund hatte er hier Bier getrunken, wenn sie die Beschattung einem Dritten überließen und die Tage warm genug waren. Er war auf dem rechten Weg.

Kaum zehn Schritte weiter wurde der Boden abschüssig, unter seinen Sohlen gerieten Kiesel ins Rollen. Er versuchte, vorsichtig zu sein, aber je sachter er auftrat, desto weniger Halt fand er. Dann glitt er aus, fiel auf den Rücken, rutschte die Böschung hinab und blieb im Gras liegen. Steine rieselten in den Fluß, er hörte ihr leises Aufklatschen, nahm die verzerrten Lichtspiegelungen auf der Wasseroberfläche wahr.

Was als nächstes tun? Die Schuhe ausziehen, die Strümpfe. Auch wenn das Wasser hierzulande eiskalt war: die Jacke ausziehen. Sie durfte nicht naß werden. Den Hut hatte er schon auf der Flucht verloren, seine Pistole weggeworfen. Hineinwaten in die Spree, solange, bis er schwimmen mußte, die Schuhe über das Wasser halten, die Strümpfe, die Jacke. Nur mit ihr konnte er die Blutflecken verdecken. Zudem war unabsehbar, wie lange er in den nassen Sachen durch die Nacht stolpern mußte. Wenigstens das Schuhwerk mußte einigermaßen trocken sein.

Er hatte sich aufgerichtet. Stand barfuß am Fluß. Die Kühle, die vom Boden ausging, tat den brennenden Füßen gut. In der Ferne konnte er noch immer die Hunde hören. Es begann zu nieseln, kleine Tropfen fingen sich an seinen Wimpern, vereinigten sich, schwer geworden rannen sie hinab, nahmen Schweißperlen auf, die in den Augen brannten.

Geh jetzt los! Du kannst es! Der Fluß ist nicht tief. Er ist nicht breit. Jedenfalls nicht so breit wie der Todesfluß.

Aber er ging nicht los. Er konnte nicht.

Jeder Fluß war der Todesfluß.

 

3

Vor sieben Jahren kamen die Gendarmen in seine Stadt, und mit ihnen die Soldaten. Es waren keine regulären Soldaten, sie sahen aus wie entflohene Sträflinge. Es waren auch Sträflinge. Aber sie waren nicht entflohen: die Regierung hatte sie freigelassen und in Uniformen gesteckt. Weil sie brutaler waren als die regulären Truppen. Weil sie schon gemordet hatten, für wenig und für nichts. Mehr als einmal.

Er war vierzehn Jahre alt. Hager. Er sah viel jünger aus, kaum wuchs ihm Flaum über den Lippen.

Ein dicker Gendarm mit angefressener Nase und großporigem Teint sagte, ein Weltkrieg sei ausgebrochen, alle müßten Erzurum verlassen, weil es zur Kriegszone gehörte. Schon in den nächsten Stunden. Sein Vater spannte die Ochsen ein und ließ auf zwei Karren zerren, was sie an Essen, an Decken und Geschirr finden konnten.

»Zu viel!« schimpfte der Gendarm und fuchtelte mit den Armen, »das braucht ihr alles nicht mehr.«

»Wer gibt uns zu essen? Du etwa?«

Die Uniformierten schwiegen. Dann sagten sie, daß die Städter kein Gold mitnehmen sollten. Sie mußten es den Gendarmen geben, sie wollten es aufbewahren bis zu ihrer Rückkehr. Aber die Städter waren klug genug, den Gendarmen nicht zu trauen. Wer mit osmanischen Beamten zu tun hatte, brauchte immer Bakschisch. Seine Mutter nähte Münzen in die Unterwäsche ein. Als der Vater das sah, schimpfte er über ihren Leichtsinn, riß die frischen Nähte auf und zwang jeden in der Familie, eines der Goldstücke zu schlucken. Am Ende waren alle zwanzig verschwunden.

Erst als sie losmarschierten, sahen sie, daß nur die Bewohner aus den armenischen Vierteln unterwegs waren. Die Türken standen in den Türen ihrer Häuser und starrten hinterher. Manche wandten den Blick ab. Alte Frauen weinten, Türkinnen und Armenierinnen, Nachbarn. Wenn sie sich ein letztes Mal in die Arme nehmen wollten, fuhren die Gendarmen dazwischen mit ihren Peitschen.

Vor den Toren der Festung durchsuchten die Soldaten die Karawane nach Waffen, nahmen den Deportierten Messer und Scheren und Stricke. Die Peitschenhiebe brannten auf den Gesichtern. Und die Sonne brannte vom Himmel. Es war Juli. Schon im Laufe des ersten Tages ging ihnen das Wasser aus. Kleinkinder weinten. Die Ochsen brüllten wegen der Hitze und des Gewichts der Karren, und sie marschierten weiter in Richtung syrische Wüste.

Als sie an Bayburt vorübergingen, sahen sie die ersten Toten. Sie lagen mit den Gesichtern auf der Erde, das Haar verfilzt, die Kleider begannen sich aufzulösen. Die Soldaten führten den Treck über die Kadaver, seine bloßen Füße wateten durch Blut und Eingeweide. Er sah das Grauen, mit dem Grauen in seinen Augen sah er seine älteste Schwester an, sie schüttelte nur den Kopf und deutete nach vorn, voraus, weiter!, weiter!

In Erzincan hatte man ihnen Quartier versprochen, aber sie durften nicht einmal trinken. Dann trieben die Sträflinge die Ochsen in die Berge und nahmen ihnen die Karren ab. Sie brauchten sie, um die Leichen wegzuschaffen. Wie der Vater vorhergesehen hatte, nahmen sie auch Leibesvisitationen vor. Hatte einer viel Geld in seiner Kleidung eingenäht, wurde ihm der Kopf abgesäbelt. Einer der Soldaten rief:

»Die Armenier haben immer Geld bei sich. Die Armenier fressen ihr Geld.«

Wie um es zu beweisen, schlitzte er den zehn Ältesten die Bäuche auf. Er fand nichts. Das rettete den anderen das Leben – für diesen Moment. Die Toten warfen sie an den Wegesrand.

In der Nacht kamen sie und holten sich die schönsten Frauen. Zwei seiner Schwestern sah er nicht wieder.

Bei Tag trieben sie die jungen Männer zusammen. Seine älteste Schwester steckte ihn in Mädchenkleider. Wenn die Gendarmen gemerkt hätten, daß er ein Junge war, hätten sie ihn an Ort und Stelle getötet. Ihn rettete, daß ihm kein Barthaar sproß und sein Gesicht durch Blattern entstellt war. Rettete ihn – für diesen Moment.

Er sah, wie sie seine Spielkameraden Rücken an Rücken aneinander banden und wie ein Paket verschnürten. Dann warfen sie sie in den Fluß. Er hörte ihre Schreie nicht mehr. Schon seit Tagen hörte er die Schreie der Menschen nicht mehr. Als ob er Watte in den Ohren hätte. Oder den Kopf unter Wasser.

Die Mutter wachte eines Morgens nicht mehr auf. Mit dem Vater ging es anders zu Ende: In Malatya führten die Soldaten die Männer auf einen Berg und schlugen sie mit Beilen tot. Sie fluchten, weil die Arbeit anstrengend war, weil ihre Säbel und Seitengewehre schon zu stumpf waren. Der Vater starb als vorletzter. Die Leichen stießen sie die Böschung hinab in den Fluß.

Die Wochen vergingen. Sie irrten noch immer durch die Wüste, nur mit Lumpen bekleidet, seine älteste Schwester und er. Sie waren die einzigen aus der Familie, die übriggeblieben waren. Kochten Gras ab, drückten das Wasser heraus und formten Klöße, die sie an der Sonne trocknen ließen. Der Brechdurchfall war weniger quälend als der ewige Hunger.

Schließlich trieb man auch sie auf einen Berg. Sie hielten sich an den Händen, weil sie wußten, daß das das Ende war. Die Soldaten zwangen sie auf die Knie, hundert Frauen und einen Jungen. Sie mußten rufen:

»Es lebe das Osmanische Reich! Es lebe der Vater des Volkes! Talaat Pascha lebe hoch!«

Weil der Pascha ihnen erlaubt hatte, am Leben zu bleiben.

Dann waren sie frei.

Sie glaubten es nicht, auch als die Gendarmen und die Soldaten längst außer Sichtweite waren. Sie glaubten es nicht, als die Nacht hereingebrochen war und sie nichts hörten als das Knurren wilder Hunde, nicht weit von ihrem Lager, die sich über den Kadavern zerbissen. Sie glaubten es erst, als sie sich nach schlafloser Nacht in der Sonne wiederfanden, lebend, durstig, hungrig. Erst dann setzten sie sich in Bewegung, zögernd, einzelne Grüppchen, die auseinanderstrebten, weil sie einander nicht mehr sehen, weil sie einander nicht ertragen konnten, weil sie sich nichts zu erzählen hatten und einander nicht helfen konnten.

Mit seiner Schwester kehrte er zum Euphrat zurück. Zum Fluß, der nach Verwesung roch. Der rot war von Blut. Der Fluß, der nicht mehr fließen wollte. An den Ufern, an den Stromschnellen sammelten sie sich, die aufgedunsenen Leiber. Bildeten Staudämme. Inseln. Wo die Vögel kreisten, waren die Inseln nicht weit.

Er konnte sich dem Todesfluß kaum auf fünfzig Meter nähern. Keinem Fluß näherte er sich seitdem.

Er sah seine älteste Schwester an, sie schüttelte den Kopf und deutete nach vorn, voraus, weiter!, weiter!

 

4

Noch immer starrte er in die flüssige Nacht. Der Regen war stärker geworden, aber nicht stark genug, um seine Spuren zu verwischen. Bald würden sie hier sein.

Er könnte versuchen, das Ufer abzusuchen. Nur ein paar Minuten, weg von den Polizeihunden, irgendwo wäre sicher eine Furt oder ein Baum läge über dem Wasser. Aber von wo kam das Bellen, von rechts hinten, von links? Das Geräusch des Regens auf den Ufersträuchern, das Aufklatschen der Tropfen auf der Spree machten jede Orientierung zunichte.

Vielleicht würde er ihnen direkt entgegengehen. Dann wäre es besser, hier zu ertrinken.

Er mußte durch den Fluß.

Geh jetzt los! Du kannst es! Dieses Wasser riecht nach nichts als Fischlaich, es hat noch kein Blut getrunken.

Eine Brise fuhr ihm ins Gesicht, der kalte Wind trug Regentropfen mit sich, die ihm in die Augen peitschten. Dann sanken ihm erneut die Beine weg, er ließ Jacke und Schuhe los, fiel auf die Knie.

Weil der Pascha ihnen erlaubt hatte, am Leben zu bleiben.

Wohin nur? Wohin?

 

5

Mehr als zwei Jahre waren sie durch das Osmanische Reich geirrt, er und seine Schwester. Sie hatten sich unter den Schutz russischer Truppen gestellt, die versprachen, die armenischen Glaubensbrüder vor dem Zugriff des Paschas und seiner Henker zu bewahren. Nie blieben sie länger als zwei Monate in den Dörfern. Mit jeder Änderung der Frontlinie nahmen sie, was sie in den aufgelassenen Siedlungen gefunden hatten, auf den Rücken und zogen mit dem Troß.

Mehr als zwei Jahre. Er war groß geworden, kräftig vom vielen Tragen. Jetzt konnte er sich nicht mehr als Mädchen verstecken. Die Russen hatten ihm das Schießen beigebracht. Unter den Osmanen war es den Armeniern verboten gewesen, Waffen zu tragen, nun lernte er, mit Pistolen, Gewehren und Handgranaten umzugehen, so gut wie jeder Russe, so gut wie jeder Türke. Er lernte Russisch. Er lernte Requirieren, Konfiszieren, Exerzieren. Er lernte militärischen Gehorsam. Er wußte, wie man Gräben aushob und Spanische Reiter baute, er wußte, was ein Gasangriff war, so gut wie jeder Russe, so gut wie jeder Türke.

Dann kam das Jahr, in dem der Zar abdankte. Immer mehr Soldaten, mit denen er sich angefreundet hatte, desertierten. Sie waren hungrig und kriegsmüde, in der Heimat gab es Aufstände, sie sprachen von einem Separatfrieden mit den Deutschen. Das war nicht gut, die Deutschen waren Verbündete der Osmanen, sie hatten weggesehen, als die Armenier getötet wurden.

Er bereitete alles vor, um mit den Russen nach Nordosten zu fliehen, aber auch die Schwester war kriegsmüde, wollte bleiben in dem Land, in dem sie geboren worden war, egal was passieren würde.

Er deutete nach vorn, wie er es von ihr gelernt hatte: Voraus, weiter!, weiter!

Er sagte:

»Wenn wir bleiben, werden sie uns töten.«

»Sie haben uns schon getötet. Was können sie noch mehr tun?«

Alles, was einen Unterschied machte: Sie konnten ihm auch noch die Schwester nehmen.

Sie sagte:

»Geh allein! Du bist jung, du kannst noch Russe werden.«

»Ich muß kein Russe werden, ich bin Armenier.«

»Dann bist du nichts.«

Wenige Tage danach schloß er sich der Nachhut an. Allein. Die Schwester hatte sich im Fluß ertränkt. Zwei verlottert aussehende Maschinengewehrführer zerrten ihn von ihrer Leiche weg. Sie dachten, er sei taub, weil er auf keines ihrer Kommandos hörte. Dann schlugen sie ihn mit flachen Händen ins Gesicht, um ihn ins Bewußtsein zu bringen. Schließlich packten sie ihn und setzten ihn auf einen Munitionswagen.

Als ob er Watte in den Ohren hätte. Oder den Kopf unter Wasser.

Er war leer. Er war nichts. Er war leer. Er war nichts.

 

6

Er war zwanzig Jahre alt, als er in Jerewan eintraf. Die Städter erkannten ihn an seinem Zungenschlag als türkischen Asylanten, schickten ihn ins Flüchtlingsheim. Dort traf er seinen Freund Arschawir. Seinen einzigen Freund. Den Freund, mit dem er Blut vergossen hatte.

Arschawir war ein Krieger, nannte sich selbst Partisan, Revolutionär, Terrorist, je nach Tageszeit und Stimmung. Er war zwei Jahre jünger und stammte aus Konstantinopel. Schon als Kind hatte er für die Partei der armenischen Revolutionäre Waffen und Botschaften quer durch die Stadt getragen. Als er Arschawir erzählte, daß er mit allen Waffengattungen umzugehen wußte, sah der ihn verschwörerisch an und sagte:

»Dein Volk hat einen Auftrag für dich.«

Arschawir fragte, ob ihm der Name »Operation Nemesis« etwas sage. Er sagte ihm nichts.

Es sei eine Kampfeinheit der revolutionären Partei, erzählte der Freund und rauchte zwei Zigaretten an, eine davon reichte er an ihn weiter.

Nun, da der Krieg aus war und in Konstantinopel die Entente-Mächte herrschten, versprachen Engländer und Franzosen den Armeniern – nein, nicht Rache, aber Gerechtigkeit. Diejenigen, die verantwortlich waren für den Mord an mehr als einer Million von ihnen, sollten verurteilt und hingerichtet werden. Allen voran Talaat, dessen »Gnade« er sein Leben verdankte. Die Richter verurteilten die Paschas zwar, aber sie konnten sie nicht hinrichten, weil sie sich längst abgesetzt, ihre Tarbusche mit Velourshüten vertauscht hatten. Sie lebten unter falschen Namen in Deutschland, beim ehemaligen Kriegsverbündeten, der sich weigerte, sie der Entente auszuliefern. Gut lebten sie dort, im glänzenden Berlin. Vom Gold der Toten lebten sie. Das sie erst den Armeniern und dann dem eigenen Volk gestohlen hatten, als sie damit flohen.

Die Franzosen schüttelten die Köpfe und sagten: »C’est la guerre«, da könne man nichts machen; und die Engländer wünschten den Armeniern a warm good-bye, sie sollten bei Gelegenheit wieder von sich hören lassen, unter russischer Herrschaft werde es ihnen sicher besser gehen.

Aber die Armenier waren es leid, wie Vieh zur Schlachtbank geführt zu werden, und wenn sie keine Gerechtigkeit haben sollten, so doch wenigstens Rache. Die Revolutionäre setzten eine Todesliste auf. Ganz oben stand der Name Talaat Pascha. Darunter viele weitere.

»Wirst du einer von uns werden?« fragte Arschawir.

Er nickte.

Er wurde einer von ihnen. Operation Nemesis gab seinem Leben einen Inhalt, ein Ziel, einen Haß. Dreimal hatte er seitdem getötet, einmal jedes Jahr: Den aserbaidschanischen Henker Gasimbekow, dessen Spießgesellen Khoiski, der die Armenier von Baku niedermachen ließ. Und heute abend Dr. Schakir, den wahnsinnigen Arzt, den Mentor Talaats.

Monatelang hatten sie ihn beobachtet, hatten sein Leben geteilt, waren ihm auf der Straße begegnet und hatten mit knirschenden Zähnen und zitternden Händen den Hut vor ihm gelüftet: er, Arschawir und drei Genossen in ihrem Alter. Sie hatten sich unter falschen Namen bei gemütlichen alten Damen in Charlottenburg einquartiert, um in Schakirs Nähe zu sein. Nachdem Talaat vor einem Jahr der Schädel weggeschossen worden war, stieg Schakir zum Führer der Exiltürken auf. Er war es, der verkündet hatte, daß es nur eine Lösung der armenischen Frage im Osmanischen Reich geben konnte, und zwar eine »Endlösung«. Er hatte die Deportationen organisiert. Hatte Sträflinge zu Soldaten gemacht, um das Land mit ihrer Hilfe von den armenischen Ungläubigen zu reinigen. Tuberkulösen Mikroben. Die Pflicht eines jeden Arztes.

Monatelang hatten sie sein Leben geteilt, waren mit ihm durch diese Stadt gegangen. Dann, endlich, in der Nacht auf Ostermontag, kam das erlösende Telegramm:

»Morgen ist der Tag. Tötet ihn!«

 

7

Arschawir und er waren ausersehen. Sie hatten gestritten, den ganzen Abend, als sie gegenüber dem Haus warteten, in dem Schakir feierte.

Er hatte sich betrunken, Cognac um Cognac hatte er hinabgestürzt. Schon lange hatten ihn Kraft und Mut in dieser fremden Stadt verlassen. Der Stadt, die in Kälte und Nebel versank, deren Luft nach Kohlestaub roch, die auch vom Regen nicht reingewaschen wurde. Er wollte zurück in den Süden. Verstand nicht, weshalb sie so lange zögerten. Er hatte begonnen, sich selbst zu mißtrauen. Er hatte begonnen, an den Kommandeuren der Operation zu zweifeln. Er hatte sich betrunken, um seinen Mut und seinen Glauben wiederzufinden.

Arschawir hatte ihn angefunkelt, hatte ihn nach Hause geschickt, hatte Angst, er würde das Attentat vermasseln. Er hatte seinem Freund zeigen müssen, daß seine Hände nicht zitterten. Jetzt nicht mehr. Er hatte darum gefleht, bei Arschawir bleiben zu dürfen. Schließlich rauchten sie schweigend, er deutete das als Zeichen des Einvernehmens. Mit Blick auf das Haus hatten sie stundenlang dagestanden, bis seine Beine schmerzten.

Um viertel vor zwölf öffnete sich die Tür.

Er sah Schakir mit vier weiteren Männern, er sah die Frauen, alte und junge. Hoffte, daß sie die Frauen nicht töten mußten.

»Sie sind’s«, flüsterte Arschawir.

Er warf seine Zigarette auf den Boden, sie zischte. Dann nur noch weißes Rauschen, Watte in den Ohren. Er folgte seinem Freund. Sah auf dessen Rücken, wie klein und schmächtig er doch war. Sie überholten die Gruppe, plötzlich schrie die Frau neben ihm, die Watte hatte schuld, daß er ihre Worte nicht verstand. Der erste Schuß aus der Waffe seines Freundes. Die Frauen warfen sich zu Boden, der Mann, der Arm in Arm mit Schakir gegangen war, sank kopfüber. Arschawirs zweiter Schuß. Er streifte Schakirs Gesicht. Noch immer war er wie gelähmt, er konnte Bilder und Geräusche nicht in Zusammenhang bringen, er wußte, daß er da war, um etwas zu tun, aber er wußte nicht, was. Er konnte sich nicht erinnern. Auch nicht, als einer der Türken mit Arschawir zu ringen begann und beide zu Boden fielen. Erst als er in die Mündung der Pistole sah, die auf seinen Kopf gerichtet war, fiel es ihm wieder ein:

Es lebe der Vater des Volkes!

Daumen und Zeigefinger seiner rechten Hand hatten zu ihrer Präzision zurückgefunden. Sie vollzogen je eine winzige Bewegung, im nächsten Augenblick deutete die auf ihn gerichtete Waffe nach unten und schlug noch vor ihrem Besitzer auf das Pflaster. Er starrte wie gebannt auf das Bild der blutüberströmten Männer, die vor ihm lagen, ein Kreuz aus Menschenkörpern.

Jemand riß ihn am Oberarm fort. Arschawir hatte sich befreit, hatte begonnen, in die Straßenlaternen zu schießen. Sie waren gerannt, so schnell es ihre Kleidung zuließ, die Straße hinauf, in eine Querstraße hinein, hatten die Waffen von sich geworfen, waren umgekehrt, wieder abgebogen, hatten sich mal in hellere, mal in dunklere Straßen verirrt. Dann gab Arschawir das Kommando, sich zu trennen und verschwand hinter einer Hecke.

Er schlug den Weg zum Fluß ein. Ohne die Hunde hätte er sich dem Wasser niemals genähert.

Wieder war er allein.

 

8

 Das Knacken von Ästen, Rascheln im Heckenlaub. Er fühlt die Präsenz eines großen Lebewesens, Mensch oder Tier, mechanisch greift er an die Stelle, an der er die Mauser bei sich trägt. Doch da ist nichts als das durchgeschwitzte Hemd. Einen Moment verharrt er, er hört einen Hund anschlagen. Dann die Stimme seiner Schwester. Ganz nah an seinem Ohr:

Soll der Pascha gewinnen, Aram?

Schuhe und Jacke packen. Dem Schwarzen entgegenhechten, sich ins Schwarz retten. Das Wasser ist noch kälter als er vermutet hat. Obwohl seine Füße Grund spüren, macht er mit den Armen Schwimmbewegungen, um nicht sofort auszukühlen. Dann stößt er mit dem rechten Bein an etwas Großes, das Linke tastet nach dem Grund, er rutscht ab, verliert Halt, taucht einen Moment unter, taucht japsend wieder auf. Er hat die Orientierung verloren, hört nur das Platschen seiner Arme und Beine. Die Jacke hat er fahren lassen, er krampft sich an den Schuhen fest. Jetzt setzt sein Herz aus, zwei Schläge, drei, er spürt den verlorenen Schlägen nach, zählt sie, vier, fünf, sechs, Schwindel, der ihn unter Wasser zieht, die Ohren füllen sich mit Wasser, die Nase. Nicht auch noch der Mund!, nicht die Lungen! Er sieht die Schwester über sich, sie gleitet vorüber, die Augen geschlossen, die Lippen geöffnet, sieht die Spielkameraden, Rücken an Rücken, die Augen geschlossen, die Lippen geöffnet. Ertrinken ist nicht so schwer.

Sein Herz stolpert, er schlägt ein paar Mal mit den Armen, hält sich noch immer an den Schuhen fest. Dann findet das Herz in seinen Takt zurück, er taucht wieder auf, keucht, prustet, würgt, als müßte er sich übergeben. Er hält den Kopf in den Nacken geneigt, um nicht wieder unter Wasser zu geraten. Schwimmt auf der Stelle.

In welche Richtung muß er?

Er dreht sich einmal im Kreis. Sieht Lichtbündel, schwache Lichtbündel oben am Himmel, aber nicht zu weit oben. Die Hundestaffel mit ihren Taschenlampen. Seine Beine schlagen aus, tragen ihn in die entgegengesetzte Richtung. Die Schuhe hält er wieder so hoch er kann, macht mit dem linken Arm Ruderbewegungen. Er spürt die Kälte nicht mehr, vielleicht ist das kein gutes Zeichen, aber es gibt ihm Kraft, und noch bevor er damit rechnet, spürt er Grund unter den tief hängenden Beinen. Er watet durch den Uferschlamm aufwärts, er ist auf der anderen Seite, fällt in die Knie und atmet, denkt an Arschawir, hofft für ihn.

Das Herz rast noch immer. Hastig, mit zitternden Händen zieht er die triefenden Schuhe an. Weiter!

Rechts ist es hell, links verlieren sich die Lichter.

Rechts oder links?

Weiter!

 
Shades of brown - „Worte gegen rechts“

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Narbenland

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