Wie wir leben wollen

Wie wir leben wollen

Suhrkamp Verlag Leseprobe

Dies ist ein Auszug einer Onlineleseprobe. Die Rechte liegen beim Suhrkamp Verlag.
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Wie wir leben wollen

Texte für Solidarität und Freiheit
Herausgegeben von Matthias Jügler

© Suhrkamp Verlag
suhrkamp taschenbuch 4710
978-3-518-46710-7

 

Was bedeuten Heimat, Fremde und Identität? Eine junge Generation von Autorinnen und Autoren blickt auf die eigenen Wurzeln – Iran, Indien, Westjordanland, Rumänien, Ost- oder Westdeutschland – und die ihrer Eltern. Sie ergründen die Ängste der aus ihren Ländern Geflüchteten und die der sorgenvollen Bürger. Sie klagen an und versuchen zu verstehen, sind wütend und mitfühlend, sind ratlos und fordern zum Umdenken auf. Wie wir leben wollen versammelt herausragende Stimmen junger deutscher Gegenwartsliteratur.

Mit Originalbeiträgen von Shida Bazyar, Bov Bjerg, Kristine Bilkau, Nora Bossong, Jan Brandt, Micul Dejun, Ulrike Draesner, Roman Ehrlich, Lucy Fricke, Mirna Funk, Heike Geißler, Lara Hampe, Franziska Hauser, Heinz Helle, Geoffroy de Lagasnerie/Édouard Louis und Hinrich Schmidt-Henkel, Svenja Leiber, Inger-Maria Mahlke, Matthias Nawrat, Markus Orths, Maruan Paschen, Philipp Rusch, Sasa Stanisic, Stephan Thome, Senthuran Varatharajah, Julia Weber sowie Matthias Jügler (Hg.).

Matthias Jügler ist 1984 in Halle/Saale geboren. Er studierte am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig und übersetzt Literatur aus dem Norwegischen. Jügler war Stadtschreiber in Pfaffenhofen (2014), erhielt für seinen Debütroman Raubfischen (Blumenbar, 2015) ein Aufenthaltsstipendium am Literarischen Colloquium Berlin und ist 2016 Writer in Residence des Goethe-Instituts in Taschkent, der Hauptstadt Usbekistans.

Vorwort des Herausgebers

Hunderttausende Menschen suchen gegenwärtig in Europa Zuflucht vor Krieg, Hunger und Verfolgung, viele davon erreichen nach monatelanger Odyssee Deutschland. Anstelle eines Refugiums finden sie ein gespaltenes Land. Tausende gehen in Dresden und vielen anderen Städten wöchentlich auf die Straße und demonstrieren voller Wut und Hass gegen alles Fremde. Seit Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen in den Neunzigerjahren gab es nicht mehr so viel Gewalt gegen Flüchtlingsunterkünfte. Denn in den Augen der sorgenvollen Bürger sind die Geflüchteten vor allem eine Bedrohung, die es schleunigst loszuwerden gilt. 

Doch gibt es auch die anderen: Zehntausende Ehrenamtliche leisten tagtäglich Außerordentliches, um den Schutzsuchenden ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen.

Eine Generation von jungen Autorinnen und Autoren begibt sich in diesem Band auf die Suche nach Antworten auf die Fragen, die diese neue Lebensrealität aufwirft. Ohne ihre Bereitschaft, ohne ihren festen Willen, sich dezidiert mit der eigenen Herkunft auseinanderzusetzen, mit dem Land, in dem sie leben, mit Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, mit all den Widerständen, Hoffnungen und Ängsten – ohne dieses Engagement, für das ich als Herausgeber unendlich dankbar bin –, wäre ein solches Projekt unmöglich.

Ihre Wortmeldungen könnten unterschiedlicher kaum sein: Mit wachem Blick beobachten die Autorinnen und Autoren die aktuellen Geschehnisse; dabei setzen sie sich nicht nur mit den hiesigen fremdenfeindlichen Demonstrationen auseinander, sondern beleuchten auch den Rest der Welt. Sie reisen unter anderem nach Burundi, ins China des 19. Jahrhunderts und an die amerikanische Westküste. Sie schrecken aber auch nicht davor zurück, sich in die Gedankenwelt der besorgten Montagsdemonstranten und anderer Heimatbeschwörer zu versetzen. Die Texte lassen uns teilhaben an Flucht, berichten von erlebtem Rassismus und Krieg, von Wut, Angst und Hoffnung. Entstanden ist so eine ebenso vielschichtige wie erhellende Karte unseres Landes.

Geflüchtete brauchen Hilfe, und um diese leisten zu können, ist eine finanzielle Grundlage nötig. Daher wird ein Teil der Honorare der Autorinnen und Autoren für Flüchtlingshilfe gespendet. In einem Klima, in dem sich der gesellschaftliche und politische Diskurs verschärft, müssen Schriftsteller, Publizisten, Intellektuelle und Verlage Stellung beziehen. Was Literatur in dieser Gemengelage zu leisten vermag, zeigt sich an den 25 Beiträgen dieses Bandes.

Kann Schreiben solidarisch sein? Die Antwort lautet: Ja, unbedingt.

Matthias Jügler Leipzig, im Januar 2016

 

Ulrike Draesner

Das Kind mit den nichtgrünen Augen

Wir reisen durch Polen und haben eine Schnapsidee: Woher kommt unser Name? Das hat uns noch nie interessiert, aber hier haben wir nichts zu tun. Im Archiv der Stadt Wrocław kennt man solche wie uns nicht, wir sind zu jung für das, was wir suchen, man sagt, »Das deutsche Register war geflutet, verschwunden, gelöscht, seit 1989 nimmt es zu wie der Mond.« Als es sich endlich finden lässt, läuft es rückwärts: Zunächst ist alles säuberlich getippt, Anfang des 20. Jahrhunderts verschwindet die Maschinenschrift, dann lösen die Tabellenlinien sich auf, und es herrscht immer dichteres Gekrakel. Nur eines bleibt gleich: Ständig kommen Namen hinzu, die gelöscht werden. Sie entstammen den Sprachen P oder D, stehen halb auf, halb unter den Zeilen – Haken dort, Zischlaut da, schräge Flügel, weibliche Augen. Über den familichen Namen erklärt all dies nichts, nur dass wir ihn jetzt familich nennen, wie er über die Jahrhunderte Namen aufsaugte, sich männlich gab und dabei sein D um das P drehte und andersherum. Wir sind nicht verlegen, wir haben studiert und erklären rasch: Unklärbar ist gut. Man muss nicht jedem auf die Nase binden, dass wir uns unter einer Namensdecke verstecken, die tiefslawischen Sümpfen entspringt und nichts anderes tut, als von Morastigkeit, Zähigkeit und augengrüner Undurchdringlichkeit zu sprechen, womit selbstverständlich unser Augengrün gemeint ist, das auch nicht jedes Kind erbt.

 

Grenzkontrolle Berlin-Schönefeld. Der Beamte plustert die Wangen auf, runzelt die Stirn und sagt zu meiner nichtgrünäugigen Tochter: »Wen hast du mir denn da mitgebracht?« 
»Meine Mama«, sagt sie, akzentfrei. Deutsch ist ihre Muttersprache, ihr Pass ist deutsch, also ist sie es vermutlich auch. All diese Sätze denke ich nur. Bildbetrachtungen unter Staatskappen, Passbildbetrachtungen durch Menschen statt Maschinen soll man genießen, nicht stören. Der Mann empfiehlt, das Bild des Kindes erneuern zu lassen. Auf dem Foto zählt es fünf Jahre. Heute ist es neun. Unsicher greift es nach meiner Hand. 
Im Wartebereich vor dem Gate trinken wir etwas. »Was hätten wir gemacht, wenn er mich nicht durchgelassen hätte?« Nein, das fragt es nicht. Das Kind fragt: »Warum glaubt er mir nicht?«

 

Frankfurt 2009. Wir reisen ein. Das Kind hat einen Pass aus Sri Lanka, ein Visum für Deutschland. Dafür standen wir eine Woche Schlange in Colombo, in Ämtern jeder Art. Das Visum wurde ohne Umstände ausgestellt, es erteilte dem Kind eine Arbeitserlaubnis für drei Jahre.

Wir leben in einer Großstadt, privilegiert, reichlich gentrifiziert. Die meisten Menschen in unserem Umfeld schreiben sich Toleranz auf die Ichfahnen, auch wenn man hier vielleicht von Fahnen nicht reden will. Die Diskriminierung, auf die wir zunehmend stoßen, ist anderer Art. Sicherheitsdiskriminierung. Das nichtgrünäugige Kind könnte muslimisch sein, ein Flüchtling, illegal – geraubt oder selbst Räuberin. Ausgesprochen wird davon nichts, alles bleibt unsichtbar, hängt als Wolke über uns. Für Sicherheitsdiskriminierung gelten die Regeln der politischen Korrektheit nicht. Sicherheitsdiskriminierung ist ehrlich: Sie zeigt, was wir sehen. Und was wir denken. Dort, wo wir »es«, »das«, »das Diskriminierende«, dieses »die sind anders« nicht denken sollen und/oder von uns glauben wollen, so nicht (mehr) zu denken.

Am Flughafen dürfen Hautfarben- und Herkunftsdiskriminierung nach außen treten, während man in anderen Lebenszusammenhängen so tut, als sähe man nichts. Obwohl jeder etwas sieht und von jedem anderen weiß, dass er etwas sieht, was derjenige, der nicht grünäugig ist, am deutlichsten weiß, sieht und spürt. Einen Spiegel braucht er dafür nicht; seine Nichtgrünäugigkeit kommt ihm in der Reaktion seiner grün-, braun- oder blauäugigen Gegenüber entgegen: dort als Großfreundlichkeit, da als Maske, als Säuseln der Stimme, als die Bemühtheit des Typus »nette Tante«, als Reaktionslosigkeit. Mittelalter Mann trägt die Toleranzfahne mit Stolz und zeigt, wie polyglott er ist, sprich: fragt das nichtgrünäugige Kind, das eben beim Versteckspiel »ich komme« ruft: »Did you see my daughter’s Schnuller?«
Worauf das Kind, fünf Jahre alt, des Englischen nicht mächtig, dank des Wortes »Schnuller« souverän entgegnet: »Ick globe, der hängt dir ummen Hals.«

 

Man kann sich mit der deutschen Geschichte im Hinterkopf so schön verkrampfen, man kann sich so schön spalten, wir trainieren es noch immer: spalten zwischen dem, was man aussprechen darf, auszusprechen wagen kann, glaubt, auszusprechen wagen zu können. Und dem, was man sieht, oder, wie es im Englischen so trefflich heißt: what you cannot help to notice – was zu sehen man nicht verhindern kann. Augenformen, Haar- und Hautfarben, Alter, Geschlecht, Sozialstatus, X und Y. Außerdem riecht und hört man. Und bleibt in einer Toleranz hängen, die zu Verlegenheit wird, weil man nicht weiß, wie man damit umgehen soll, etwas wahrzunehmen, wovon man unversehens glaubt, es nicht wahrnehmen zu dürfen, während man weiß, dass jeder es wahrnimmt und dieses Wahrnehmen versteckt.

 

»Und wo kommen Sie eigentlich her?«
Diese Frage. Verfänglich. Obsolet. Und doch nicht aus den Köpfen zu löschen. Sommerferien 2013, Lenbachhaus München, eine Aufpasserin lächelt das Kind an, halb, und stellt die Eigentlichfrage.
Das Kind antwortet. Es sagt nicht Berlin. Niemand hat ihm die Eigentlichfrage erklärt. Es versteht sie auch so. 
Antwortet und weint.

Da ist die Aufpasserin erstaunt. Ich sage: »Wir kommen aus Berlin«, da wird sie wütend, ich sehe es in ihren Augen. Immer deutlicher höre ich in dem Satz »Ich habe nichts gegen Fremde« das Echo eines stummen Trotzes, eine gefühlte und mitübertragene zweite »Botschaft«: »Und für sie habe ich ebenfalls nichts.«

 

Die Aufpasserin hat gefragt, weil sie nicht wagt, wissen zu wollen, was sie wissen will (wie kommen diese Frau und das Kind zusammen). Eine Woche lang schaut das Kind mich jeden Abend im Bett ängstlich an und fragt, was die Bildwächterin von ihm wollte.
»Ich weiß es nicht«, sage ich und frage mich selbst, als das Kind schläft, was die Angestellte bewogen haben mag, diese Frage zu flüstern. Welches Gewicht ist ihr auf die Schultern, die Brust, die Füße gefallen, als sie das Kind sah mit seinem grünäugigen Cousin, wie sie durch die Ausstellung sprangen, miteinander sprachen, selbstverständlich auf Deutsch?
Oder wollte sie etwas »wiegen«?
Amseln zwitschern, sommerliches Dämmerlicht zeichnet Streifen auf die Wand hinter dem Bett. Wie vertraut alles ist; hier schlief ich selbst, als ich noch zur Schule ging. Die alten Bäume rascheln, die Luft füllt sich mit sattem Grün. Was heißt es, zu Hause zu sein? Zu Hause zu sein, in Deutschland. Wenn man da ist, einfach nur da. Und/Oder wenn man davon spricht. Macht das einen Unterschied? Und was ist das für ein Gefühl?

Als Schriftstellerin will ich daran glauben, dass wir über Sprachregelungen Gedanken verändern. Als Schriftstellerin weiß ich, als Mutter eines nichtgrünäugigen Menschen erfahre ich, dass »nicht«-Regelungen besser als nichts sein mögen, doch bei weitem nicht ausreichen. Es kommt nicht darauf an, das, was wir wahrnehmen, nicht zu sagen. Es kommt darauf an, Sprechweisen zu finden, die auf einer doppelt respektvollenEinstellung beruhen. Sie erkennt Unterschiede an, denn Respekt hat zwei Richtungen: Er weist auf das Gegenüber und ebenso auf jenen, der ihn erbringt.

 

Ingrouping, outgrouping, antwortet mir ein Neurowissenschaftler, der zu Menschenaffen forscht. Auch unsere Gehirne werden in beträchtlichem Maß von Wahrnehmungsmustern bestimmt, die sich willkürlicher Steuerung entziehen. So ist beispielsweise die Verarbeitung von Sehreizen in verschiede- ne Areale aufgeteilt; eines der Areale beschäftigt sich allein mit Bewegung. Bewegung löst Aufmerksamkeit aus – immer, unausweichlich. Der Mechanismus zählt zu den vielzähligen Spuren aus unserem Vorleben als Fluchttier. Dass wir an unserem Gegenüber Geschlecht, Größe, Gesundheitszustand, Alter (Bedrohungs- und Reproduktionspotential) und Gruppenzugehörigkeit wahrnehmen, gehört ebenfalls zu diesen Überlebensmechanismen. Wir können nicht anders (cannot help us), als diese Informationen aufzunehmen. Überlebensstrategien schaffen Kategorien wie Gleichheit und Differenz, teilen in Gruppen auf nach dem Prinzip: Wer gehört dazu, wer nicht. Auch das ist zutiefst menschenhaft: Wir brauchen Identität, und wir beziehen sie aus unserem Verhältnis zu anderen. Von Bedeutung sind alle, die da sind, viele, die fehlen (wie Ahnenkulte zeigen) und jene, die wir uns »nur« vorstellen (wovon Geisterglauben und Religionen künden). Ingrouping bedeutet Zugehörigkeit, Geborgenheit, Schutz. Ohne Wesen, die uns glichen, wären wir verloren, auch heute noch.

Flughafen München, Februar 2014. Die Passagiere in der Warteschlange hinter uns schauen neugierig. Die Schlange wächst. Das Kind zittert, ich drücke seine Hand. Wir werden, stumpf und grob, rassendiskriminiert. Alle beide. Der auf Freundlichkeit getrimmte Angestellte hinter dem Schalter zuckt die Schultern: »Stimmt.«

 

Ich fahre mit dem Zug von München in die Schweiz. Grenzbeamte streifen durch die Waggons. Eine einzige Person wird kontrolliert. Wir raten nicht, ob sie nichtgrünäugig ist. Ich übersetze, der Mann, der die Schweiz besuchen will, spricht Englisch. Sehr viel besser als die Grenzkontrolleure. Alle Papiere sind in Ordnung. Er muss aussteigen, die Beamten begleiten ihn.

Ich sage dem Kind: Die Überprüfung unseres Namens in Polen ergab, dass wir von Drachen abstammen. Ab jetzt fliegen wir selbst. Tatsächlich fliegen wir eine Weile gar nicht. Ich kopiere die Kopien der Geburtsurkunde und verteile sie auf Pässe, Rucksäcke, Handtaschen.

Heathrow, Dezember 2015. Unsere Namen, Überraschung, werden doppelt kontrolliert. Der Saal ist überfüllt, Schlange rechtsherum, linksherum, zickzack.»Pässe aus den Hüllen!«, sagt der Mann der Border Force. Vor einer Woche noch durften wir die Pässe in ihren Plastikhüllen über den Einreisetresen reichen. Der Kontrolleur reißt das Plastik herunter. Auf Englisch heißt, was folgt, scrutinize: Mit seinen Augen bohrt er ein paar Schrauben in das Gesicht meines Kindes, in meines. Selbstverständlich habe ich die Geburtsurkunde dabei. Ziemlich selbstverständlich ist sie auf Deutsch. Das gefällt ihm nicht. Wo mein Name stehe?

Ob der Mann lesen kann? Das Kind greift nach meiner Hand. Der Kontrolleur hat beim Herabreißen der Hülle die Geburtsurkunde zerrissen. Ich sage: »Im anderen Pass ist noch eine Kopie.« Ihm meinen Namen zeigen darf ich nicht, denn sein Schalter ist bereits England, ich bin nicht eingereist, mein Arm darf nicht einfach einreisen ohne mich. Das Kind hat einen deutschen Vornamen, einen katholischen Mittelnamen, den es aus Sri Lanka mitgebracht hat, und einen indischen Drittvornamen. Verkniffen starrt der Kontrolleur auf die deutsche Geburtsurkunde, die offensichtlich zu den deutschen Pässen passt und nichts sagt über die Eigentlichfrage (wie kommt ihr denn zusammen?), die ihn nichts angeht. Wir werden zur Seite geführt. Sein Chef oder wer immer die Person ist, die herbeigeholt wurde, betrachtet die Zweitkopie der Urkunde. Das Original befindet sich zu Hause. Zu Hause ist, denke ich, wo deine Identität nachweisbar herumliegt. So einfach ist das.
Ein Gefühl ist es auch.

 

Dem Zeichen »Hautfarbe« können weder Betrachter noch Betrachteter ausweichen. Gerade auch dann, wenn man das Zuhause nur mehr als Haut mit sich herumträgt. Wie einen Ballon, der am Fuß hängt, wobei man nicht weiß, wer an wen gefesselt ist, wer wen hält. Hautfarbe ist ein Inselzuhause, ein Luftzuhause, sie zieht das eine Bein in die Luft, während das andere auf dem Erdboden nach Festigkeit sucht. 
Auch das ist ein Gefühl.

Zu Kitazeiten wurde uns von Kindern regelmäßig die Eigentlichfrage ohne »eigentlich« gestellt: »Warum bist du so weiß, und dein Kind ist so braun?« Die Antwort: »Weil ich es als Baby immer in Schokolade badete«, gefiel uns am besten. Mit dem Unterschied, den man nicht nicht wahrnehmen kann, geht mein Kind inzwischen auf eigene Weise um: Es arbeitet an gegen die Fassade »wir sind blind«. Es will da sein, anders sein, als anders wahrgenommen werden. Manchmal erzählt es einer Bekanntschaft in den ersten fünf Minuten: »Ich komme nicht von hier.«
Ich bin mir nicht sicher, ob das ein Zeichen für Abstand von oder Nähe zu der Person ist, der das offenbart wird.

Anvertraut wird? Zugemutet: »Ich komme nicht von hier.«  Ich gehöre nicht dazu?
Zu Hause, denke ich, ist das Gefühl, nicht erzählen zu müssen, aber erzählen zu dürfen. Zu Hause, sage ich dem Kind, ist das Gefühl, erzählen zu dürfen, verbunden mit dem Recht, sich einzumischen.

 

Mein Kind, drei Jahre alt, steht auf dem Brett zwischen den Waschbecken. Seine nichtweiße Haut muss jeden Abend eingecremt werden, sie wurde für ein anderes Klima gemacht. Ein Nebeneffekt des Rituals auf dem Brett ist, dass das Kind seinen ganzen Körper im Spiegel sehen kann und mich dazu. Eines Abends hüpft der Körper, durchwirkt von einer Aufregungswelle, schon Sekunden bevor das Kind ruft: »Mama, ich habe es gefunden.«
Etwas Schwarzes. An mir. Der Blonden, Hellhäutigen. Wie das Schwarze heißt, weiß das Kind nicht. Der Spiegel gibt ihm recht: schwarz. Die einzige Stelle am Körper, an der wir gleichfarbig sind. Mir steigen Tränen in die Augen. Ich wusste nicht, dass das Kind nach etwas Gleichem an uns suchte. Hatte mir das Wahrnehmen so herum nicht vorgestellt.

 

Es gab Scheiße-Rufe auf dem Schulhof, die mein Kind meinten; Schokoladensongs auf dem Spielplatz; Fragen; Kontrollen. Nach Dresden fahre ich nicht. Non-white heißt mein Kind nun. Ist dieser Ausdruck besser als die Formel »of Indian / African / Asian origin?«
Die geographische Formel versteht die Identität des Anderen von seinem genetischen (nicht unbedingt persönlichen) Ursprung her; sie schreibt etwas zu. Das Adjektiv »non-white« verfährt spiegelnd: Es streicht »weiß« durch, grenzt aus. Non- white definiert als ein »das bist du nicht.« Gedacht wird von der Gruppe der »whites« aus. Non-white zieht eine Grenze. Sie heißt: Du-nicht.

 

Grenzkontrolle Colombo. Die Sicherheitsmänner sehen uns an. Zur Sicherheit sind sie zu dritt. »Wen hast du uns da mitgebracht?«, fragen sie das Kind auf Singhalesisch. Das Kind versteht nichts. Seine Hand hält meine Hand fest. »Whom did you bring along?«Das Kind, zehn Jahre alt, schaut mich an: »My Mum.«

Nun läuft die Diskriminierung einmal andersherum.Es tut dir gut, sage ich mir, das zu erfahren. Ich steche in Colombo aus den Menschen heraus wie eine überdimensionierte Milchkuh. Ein Mondkalb. 
Gut tut es nicht.

Wir sitzen auf einem Spielplatz, zu Hause. Das Kind ist drei Jahre alt, ich bin Mitte vierzig. Niemand spricht mit uns. Man kennt sich; wir indes sind, in der Zusammensetzung, neu. Für die Nannykonstellation wurden die Hautfarben falsch auf uns verteilt. Die Latte-Eltern des Stadtteils sehen sich überfordert. Nur Fremde sprechen uns an, auf Englisch, was das Kind erst recht nicht versteht. Gründlich durcheinander nun, die Welt.

 

In Istanbul, Mai 2010, werde ich fast verprügelt. Dank mehrfacher Überprüfung unserer Namen im Vorfeld ist die Einreise unproblematisch verlaufen. Sehr schnell werden wir wie der ausreisen. Männer, die uns auf den Straßen entgegenkommen, rufen schon von weitem »chocolate, chocolate«, rennen herbei, fassen nach dem Kind. Tatschen es an, wo auch immer sie es erwischen. Auf der Galatabrücke sitzen Angler. Kaum sehen sie uns, springen einige auf, greifen einen Fisch aus dem Fangeimer, rennen uns nach. Sie versuchen, meiner Tochter den toten Fisch in die Hose zu stopfen. Ich schreie, bekomme einen Arm zu packen, werde selbst gepackt, bin hoffnungslos in der Unterzahl, das Kind brüllt, wir rennen. Die Tage bis zum Abflug verbringen wir im Hotel.
Zu Hause sagt eine Berliner Bekannte, so schlimm könne es nicht gewesen sein, es hätten sich bestimmt nicht alle Männer auf der Brücke an der Fischsteckerei beteiligt. Ihr Verhältnis zu »unseren türkischen Mitbürgern« ist makellos. Ich sage, das sei vollkommen korrekt.

Weder mein Kind noch ich sind Flüchtlinge. Mein Kind reiste vorbereitet, legal und (wenigstens äußerlich) behütet nach Deutschland ein. Ich wuchs in der Nähe der Stadt auf, in der ich geboren worden war. Und galt doch als Flüchtling, dank eines bundesrepublikanischen Gesetzes von 1953, das direkte Nachfahren von Flüchtlingen in der Folge des Zweiten Weltkrieges ihrerseits zu Flüchtlingen erklärt. Das mag grotesk erscheinen, ist indes so grotesk nicht. Teile der Flüchtlingsidentität meines Vaters und seiner nach der Flucht auf der Welt verstreuten Familie, seine Gefühlsvorsicht, Ängstlichkeit und sein Sicherheitsdenken haben auf mich abgefärbt.

Die Szene mit der Museumswärterin lässt mich nicht mehr los. Ich nehme mir vor, bei der nächsten Situation dieser Art höflich zurückzufragen: »Sie möchten wissen, warum das Kind so nichtgrünäugig ist? Warum wir so unterschiedlich aussehen und doch so vertraut miteinander herumwandeln in Ihrer Welt? Stören wir diese, Ihre Welt? Wir erzählen sie gern, die Geschichte von etwas kleinem, aber entscheidendem Schwarzen. Sie haben es auch!«

Das Kind und ich haben eine Idee: Wir wollen Einbürgerungskurse anbieten. Für jene, die schon da sind. Allemal jene, die meinen, immer schon da gewesen zu sein, als hätten ihre Namen niemals Flügel und Füße gehabt. Kurse zu Blicken und blinden Flecken. Weißt du, was es heißt, zu Hause zu sein? Zu Hause zu sein, in Deutschland? Wenn man davon spricht? Wenn man grünäugig ist. Nichtgrünäugig ist. Wenn man darüber nachdenkt. In Deutschland lebt, »eigentlich«.

Am Ende des Kurses, sagt das Kind, treten wir mit allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern vor einen Spiegel und suchen »das Schwarze«, das uns gemeinsam ist. Sein Name fliegt herbei: Sehloch. Was stimmt: Hier haben Menschen ein Loch.Hier fällt Licht in uns. Der geläufigere Name »Pupille« leitet sich vom lateinischen »pupilla« ab, dem »Püppchen«, als das man sich selbst im Auge des Gegenübers spiegelt. Bei jeder Begegnung. Auf schwarzem Grund.

 
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