Werte 2.0: Das europäische Haus - Palast, Trutzburg oder Bruchbude

Werte 2.0: Das europäische Haus - Palast, Trutzburg oder Bruchbude

von Peter Prange

Foto: Gaby Gerster

Foto: Gaby Gerster

Haben wir noch alle Tassen im Schrank? Da haben wir in jahrzehntelanger Arbeit an einem gemeinsamen europäischen Haus gebaut, um Frieden, Wohlstand und Freiheit auf Dauer in Europa zu sichern – und was tun wir, kaum dass die ersten Stürme aufziehen? Statt das Haus wetterfest zu machen, verlassen wir es in Scharen, um Zuflucht in unseren alten Höhlen zu suchen, und während es vor unseren Augen auseinander fliegt, schieben wir uns gegenseitig die Schuld daran zu, warum es nicht gehalten hat.

Geboren im Jahr 1955, bin ich von Kindes Beinen an im europäischen Haus aufgewachsen, gleichsam während darin und daran ständig gebaut wurde. Anfangs eher eine Art Notunterkunft, entwickelte es sich im Laufe meiner Jahre zu einem prächtigen Palast, den ich mit keiner anderen Behausung auf der Welt hätte tauschen wollen. Während ich in seinem Innern wohlbehütet die Freiheiten genoss, die er seinen Bewohnern wie selbstverständlich ermöglichte, war er mir nach außen eine Trutzburg des Friedens und des Wohlstands.

Doch die Tage dieses Palastes scheinen gezählt. Einige wenige Krisen in jüngster Zeit haben genügt, und schon droht das europäische Haus, keine sechzig Jahre nach Abschluss der Römischen Verträge, mit denen sein Grundstein gelegt wurde, zu einer Bruchbude zu verkommen, in dem es immer ungemütlicher wird, weil seine Bewohner wie zerstrittene Eigentümerparteien sich nicht über die nötigen Maßnahmen zu seiner Instandhaltung einigen können, obwohl der scharfe Wind, der Frieden, Wohlstand und Freiheit gefährdet, bereits durch sämtliche Ritzen und Fugen pfeift.

Ob Ukraine- oder Syrien-Krise, ob IS-Terror oder Klimaschutz, ob Bankenaufsicht, Regulierung der Finanzmärkte oder Freihandelsabkommen mit den Vereinigten Staaten: Fast überall, wo europäische Einheit gefragt ist, zeigt Europa sich uneins. Ja, schlimmer noch, in vielen Fällen scheitert Europa nicht nur an seinen Problemen, sondern mehr noch an sich selbst.

Zum Beleg brauchen wir uns nur ein paar Ereignisse des vergangenen Jahres zu vergegenwärtigen, zusammen mit ihren paradoxen Folgen:

•  Charlie Hebdo. Selbst ein Sturmgeschütz der Toleranz, hat das Attentat auf das französische Satiremagazin in ganz Europa für eine spürbare Reduzierung der Toleranz gesorgt, um weitere Angriffe auf unsere Lebensart zu verhindern.
•  Pegida. Angetreten mit dem Anspruch, Europa vor einer vermeintlichen Islamisierung zu schützen, haben die Aufmärsche tatsächlich Europa in Deutschland und Deutschland in Europa diskreditiert.
•   Wahlen. Je lauter und schärfer Europa-Kritiker Europa kritisieren, desto größer ist ihr Erfolg bei Europawahlen und ihr Einfluss im Europaparlament.
•  Schuldenkrise. Je mehr Solidarität die Eurostaaten mit kriselnden Mitgliedsländern zeigen, desto mehr schwindet die Solidarität zwischen den Völkern und vergeht den Bürgern die Lust auf Europa.
•   Migration. Während Menschen aus aller Welt nach Europa strömen, um wie wir in Frieden, Wohlstand und Freiheit zu leben, stellen wir zunehmend unsere Werte in Frage, denen wir unsere privilegierte Lebensform verdanken.

Angesichts dieser Krisen und Paradoxien steht die europäische Idee plötzlich zur Disposition. War Europa etwa nur eine Schimäre?

Keine Frage, die Europa-Skeptiker haben Konjunktur, und die intellektuelle Schickeria gefällt sich zunehmend darin, die Idee der Union als eine Fiktion, das europäische Haus als ein phantastisches Wolkenkuckucksheim zu denunzieren. Europa sei ein Mythos, unken sie, vor Urzeiten von einem Märchenerzähler namens Heredot erfunden, um die Griechen gegen die Perser zu mobilisieren. Tatsächlich aber sei Europa nur eine Anhäufung von Nationen und Gesellschaften unterschiedlichster Traditionen, von armen und reichen, von protestantischen und katholischen, von erzkapitalistischen und postkommunistischen Staatsgebilden, denen das Verbindende fehle, um mehr als nur ein loser Verbund, um eine wirkliche Einheit zu sein.

„Alles, was uns verbindet, sind unsere Gegensätze“, schrieb ich im Jahr 2006 voller Optimismus im Vorwort zur Erstausgabe dieses Buchs. „Aber das ist nicht unsere Schwäche“, behauptete ich weiter, „sondern unsere Stärke. Denn alles, was wir Europäer je zustande gebracht haben, verdanken wir unserer inneren Widersprüchlichkeit, dem ewigen Zwiespalt in uns selbst, dem ständigen Hin und Her von Meinung und Gegenmeinung, von Idee und Gegenidee, von These und Antithese.“

In diesen Optimismus fiel sogar Bundeskanzlerin Angela Merkel ein, als sie zu Beginn der deutschen Ratspräsidentschaft 2007 vor dem europäischen Parlament in Straßburg ihre Europavision skizzierte. Doch in der Tat, von der produktiven Widersprüchlichkeit, die ich damals beschwor, scheint nicht mehr viel übrig zu sein. Das Ringen um die Synthese, die Meinung und Gegenmeinung verbindet, um gemeinsam etwas Besseres zu schaffen, als jeder Einzelne für sich allein vermöchte, weicht im politischen Alltag wie in der gesellschaftlichen Debatte immer öfter dem parteiisch geführten Streit der Egoismen, in dem sich Ideologen aller Länder und Couleurs die Beleidigungen nur so um die Ohren hauen und sich einander wahlweise der Ignoranz oder Unfähigkeit bezichtigen, ohne sich um den kontinentalen Schaden zu scheren, den sie damit anrichten.

Aber sollen wir darum die europäische Idee aufgeben?

Mag sein, dass Europa es in den letzten Jahren mit sich selbst zu eilig hatte, weshalb die Vertiefung mit der Erweiterung der Union nicht Schritt halten konnte. Mag sein, dass wir die Adaptions- und Entwicklungsfähigkeit der europäischen Institutionen überschätzt und überfordert haben. Mag sein, dass die politische und gesellschaftliche Wirklichkeit noch längst nicht den Werten entspricht, die den in Jahrtausenden gewachsenen europäischen Wertekosmos auszeichnen. Doch darum auf den normativen Wert der Werte zu verzichten, nur weil die Wirklichkeit hinter der Vision zurück bleibt, wäre ein fataler Kurzschluss.

Die globale Abstimmung mit den Füßen zeigt, was auf dem Spiel steht: Europa ist der attraktivste Lebensraum der Welt, und Freizügigkeit ist seine Seele. Diese ist kein Luxus, den wir uns leisten können, weil es uns gut geht – vielmehr geht es uns gut, weil Freizügigkeit unser Zusammenleben bestimmt: politisch, gesellschaftlich, wirtschaftlich.

Diesen Lebensraum gilt es zu bewahren und fortzuentwickeln. Nicht, indem wir unsere Werte preisgeben, sondern indem wir sie ernst nehmen. Werte sind innere Nötigung und äußere Orientierung zugleich. Sie beschreiben nicht nur unsere Herkunft, sondern auch unsere Zukunft: Sind Verträge und Institutionen die Bausteine des europäischen Hauses, sind unsere Werte der geistig-emotionale Mörtel, der es zusammenhält. Denn Freizügigkeit, wie wir sie meinen, bedeutet keineswegs Beliebigkeit – im Gegenteil. Toleranz und Prinzipientreue, Idealismus und Realismus, Freiheit und Verantwortung, Mensch und Recht, Glaube und Vernunft: Erst aus der Spannung solcher Gegensätze hat Europa seit über zweitausend Jahren die Kraft geschöpft, um sich nach Maßgabe ständig sich wandelnder Anforderungen zu erneuern und gleichzeitig seine Identität zu wahren.

Zusammen mit meinen Mitherausgebern Frank Baasner und Johannes Thiele danke ich dem S. Fischer Verlag, dass er uns mit der Neuausgabe dieses Buches Gelegenheit gibt, jene Werte, von denen wir glauben, dass in ihnen unsere Lebensform wurzelt, ein zweites Mal auf den Prüfstand zu stellen. Die kleinen und großen Krisen, die Europa immer wieder ereilen, werden auch in Zukunft immer wieder Anlass geben, die Diskussion um diese Werte und ihre Tragfähigkeitaufs Neue zu führen.

Um uns immer wieder zu vergewissern, welches europäische Haus wir wollen: die Bruchbude, die Trutzburg – oder vielleicht doch lieber den Palast.

Peter Prange
Tübingen, den 22. September 2015

 
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