Shades of brown - „Worte gegen rechts“

Shades of brown - „Worte gegen rechts“

von Nikola Mehlhorn

Foto: Günter Klein

Foto: Günter Klein

Erdbraun kackfarben dunkelbraun. - Ich rede nicht von Kot, Fäkalien oder Kotze, nein, von Schlimmerem: dem braunen Abschaum, der Deutschland aktuell im Fernsehen, den sozialen Medien - und leider auch der Realität – überspült.

Wie kann Deutschland, dieses ökonomisch und politisch stabile Vorzeigeland, solch eine Schämshow präsentieren? Wie können die angeblich ihr Vaterland liebenden Rechtskacker ihre Heimat so beschmutzen? Spuk, Wiedergänger, Nazi-Geister! 

Sicherlich: Solch eine Menschenflut nach Deutschland hat es noch nie gegeben, es existieren keine historischen Parallelen. Das Ganze ist eine große Aufgabe - gesellschaftlich, politisch, ökonomisch, kulturell. Aber wie stolz können wir sein, dass unser geschichtsbelastetes Land als Zufluchtsort gewählt wird! Nun müssen finanzielle Lösungen gefunden werden; politische Regelwerke, wie beispielsweise die Genfer Flüchtlingskonvention, sind bereits vorhanden. Ich plädiere darüber hinaus für eine noch klarere, aktuellere Definition von Schutzbedürftigkeit; und dringend für starke Unterstützung der Herkunftsländer, damit die Fluchtursachen bekämpft werden. Fest steht: Schutz soll jeder bei uns bekommen, der ihn braucht! 

Primär stehen jedoch nicht nur politisch-ökonomische Entscheidungen an, es geht akut um dieses Indiskutable, Braune, das sich ekelerregend über unserem Land ausbreitet, diese faulige, stinkdumpfe Brühe, die immer wieder überkocht, deutsche Hexensuppe, seit hundert Jahren aus den gleichen Zutaten bestehend:


RausAusländerBlondVolkWirDeutschenFremdHeimatAlleRausDeutschlandJudenWegKanakenHassNichtdeutschRaus. 

Angesichts brennender Asylbewerberheime, verletzter Menschen und Neonazis, die auf Flüchtlingskinder urinieren, ist es fraglich, ob ein „Aufstand der Anständigen“, wie ihn unser Land bereits im Jahr 2000 erlebt hat, ausreicht. Muss es nicht vielmehr ab sofort „Widerstand“ heißen, dieses Wort, das wir aus der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts kennen? Justiz, Gesellschaft, Politik gegen die rechte Front. Traurig – genauer formuliert – tragisch wäre es, wenn dieser Ausdruck in Deutschland reanimiert werden müsste!

Definitiv notwendig in unserem derzeit hochbrodelnden Hexenkessel ist es, der rechten Subkultur die Stirn zu bieten, sich klar und deutlich von dem widerlichen Gedankengut zu distanzieren. Und das kann jeder – und muss jeder! Oft genügen kleine Gesten: Öffentliches Parieren von rassistischen Äußerungen, Unterstützen von Online-Petitionen, Engagieren bei Anti-Rechts-Demonstrationen – jeder kann etwas tun, keiner muss Nelson Mandela sein. Nur wer nichts tut, nährt die braune Schande! 

@MobPackRechte: Übrigens „gehört“ Deutschland immer noch zu 99 % den Deutschen. Bei 81 Millionen Einwohnern bedeuten jährlich 800.000 Asylsuchende, von denen etwa die Hälfte als Flüchtlinge anerkannt werden, einen Prozentsatz von 0,5 %. Solch ein Promillesatz bildet keine Gefahr für die soziale oder ökonomische Balance eines Landes. Auch langfristig sind dieses Zahlen, die ein starker Staat verkraftet. Die angeblichen Ängste vor Überfremdung sind irrational, sie resultieren aus Unwissenheit, Frust und Dummheit.

Als Mitglied des PEN-Zentrums und des Verbands deutscher Schriftsteller (VS) unterstütze ich deren kürzlich veröffentlichten Appell: »Nun, da man beginnt, denen, die gegen Rassismus auftreten, das Haus anzuzünden, ist wohl der Punkt erreicht, an dem es jedem friedliebenden Bürger dämmern muss: Das geht uns alle an. Hier wird keine abweichende Meinung mehr geduldet, hier bildet sich erneut jene Kultur der politischen Gewalt heraus, die Deutschland schon einmal zugrunde gerichtet hat«. (PEN-Präsident Josef Haslinger)

Auch wenn uns der Alltag, dieser Moloch aus Terminen und To-do´s oftmals schier verschlingt, sollte jeder die ihm vorhandenen Reserven nutzen, um Unrecht in seinem Umfeld entgegenzutreten. Schon jetzt scheint der rechte Mob Verlierer zu sein, so überfordert durch die zahlreichen Reaktionen der Deutschen, dass er mit dem Werfen von Farbbeuteln oder Vollhaten von Websites nicht mehr hinterherkommt. Das ist doch herrlich! Weiter so.

Shades of brown: Jeder, der zu der Verdunklung Deutschlands beiträgt, und sei es durch Nichtstun, Mitlaufen, verkörpert eine Schattierung des braunen Ekels. Shame on brown. Wie sagte es Immanuel Kant: „(…) der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir.“ Wir sind Menschen, wir haben Ideale, und die werden nicht mit brauner Brühe bekleckert! Basta!

Nikola Anne Mehlhorn ist mehrfach ausgezeichnete Autorin und Kulturpreisträgerin des Kreises Pinneberg 2015. Aktuell veranstaltet sie politische Lesungen: „Worte gegen rechts“ - www.nikola-anne-mehlhorn.de

 
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