Oktober 2015

Oktober 2015

von Jennifer Benkau

Eine kleine Stadt, irgendwo in NRW. Eine Notunterkunft für Flüchtlinge, prall gefüllt mit Familien, diesmal hauptsächlich aus Syrien und dem Irak. Mein Jüngster und ich verbringen seit über drei Monaten drei Vormittage in der Woche dort.
Ich frage in einer kleinen Gruppe, ob jemand Lust hat, mir ein paar Fragen zu beantworten, die ich danach im Internet veröffentlichen möchte, damit Deutsche eine bessere Vorstellung von verschiedenen Leuten bekommen, die sich hinter dem Begriff „Flüchtlinge“ verbergen. Eigentlich will ich nur ein bisschen über die Personen wissen – aber wie das so ist: Plötzlich sitze ich in einer politischen Diskussion mit zwei äußerst unterschiedlichen Parteien. Mit zwei Parteien, die in Syrien erbittert gegeneinander kämpfen. Und es wird persönlicher, als ich angenommen hatte. Meine Notizblätter füllen sich so rasant, dass meine Hand verkrampft.

Viele rücken nach meiner Frage sofort näher um mich zusammen. Eine junge Frau will ganz viel erzählen – die Sprachbarriere steht uns im Weg. Wir haben so wenig Zeit, um alles über drei Ecken zu übersetzen. Ein anderes Mal. Diesmal muss ich mich auf jene beschränken, die Englisch sprechen. Zu erzählen haben viele etwas. Alle!
Alle sind einverstanden mit der Veröffentlichung. Trotzdem habe ich mich entschlossen, die Namen zu ändern und keine Fotos zu machen. Außerdem möchte ich einen Disclaimer anbringen: Uns allen fehlten manchmal die passenden Worte auf Englisch. Ich hoffe wirklich, alles gut übersetzt zu haben, es ist aber nicht auszuschließen, dass wir uns manchmal missverstanden haben. Sollte ich etwas nicht ganz zutreffend übersetzt oder an den falschen Stellen gekürzt haben, tut es mir sehr leid.

Ich spreche mit Ahmed. Ahmed ist Mitte Zwanzig, hat eine Frau und ein Babymädchen, süße vier Monate alt. Er lacht viel, scherzt ganz oft und ich habe das Gefühl, dass er mit viel Ironie auf das blickt, was ihm Kummer bereitet. Als ich ihm sage, dass manche Deutsche sogar Angst vor den Flüchtlingen haben, weil sie ihnen so fremd erscheinen, schaut er grinsend an sich runter. Er ist klein und schlank, fast dünn, hat ein verschmitztes Jungengesicht und trägt gespendete Kleidung und Hausschuhe.
Nicht sehr gefährlich, lautet sein Urteil. Wir laufen doch weg vor den Gefährlichen.
Würdest du dein Baby herbringen, wenn wir gefährlich wären?, fragt ein Mann mich im Vorbeigehen. Natürlich nicht – aber reicht es den Leuten da draußen, wenn ich ihnen erzähle, dass ich viele der Geflüchteten mit meinem 21 Monate alten Sohn losziehen lasse und ihn in bester Obhut weiß?

Zurück zu Ahmed. Während der letzten vier Jahre sind seine älteren Brüder alle aus Syrien fortgegangen. Ein Bruder war bei der syrischen Armee, hat den Dienst altersbedingt quittiert, wie es rechtens ist, und danach gleich das Land verlassen, aus Angst, dass sie ihn wiedereinziehen. Das kommt vor, erzählt er. Bashar braucht jeden Soldaten. Als noch Frieden war, war die Arbeit bei der Armee gute, wichtige Arbeit, sagt Ahmed. Keiner konnte ahnen, was passieren würde.
Ahmed wollte Syrien lange nicht verlassen. Er ist der letzte Sohn, der bei seinem Vater, einem alten Mann, der halbseitig gelähmt ist, geblieben ist. Ahmed wollte weiter für ihn sorgen, der Vater hat ja sonst niemanden mehr und will selbst keinesfalls weg. Doch dann kam die Polizei zu Ahmed und forderten ihn auf, zur Armee zu gehen und für Assad zu kämpfen. Ahmeds Vater sagte zu ihm: „Wenn du bleibst und zur Armee gehst, stirbst du. Dann bist du auch fort, was habe ich davon, wenn du bleibst?“ Sein Vater schickte ihn fort. 

Ahmeds Vater lebt bis heute mit seiner Schwester in einem Ort bei Aleppo. Ahmed nennt es „das Dorf der Alten“, es gibt dort nur noch alte Menschen – Menschen, an denen keine der vielen Kriegsparteien ein Interesse hat. Ahmed lacht erstmals ein wenig bitter. Weil sie alt sind, leben sie dort fast wie in Sicherheit. Sie interessieren niemanden mehr, und dort ist schon alles zerstört von den Bomben.
Für die jungen Menschen, vor allem für die Männer und Jungs, ist es tödlich dort. Alle Armeen wollen neue Soldaten, die freie Armee, Assads Armee – alle. Manchmal auch die anderen. (Ich glaube, dass er den IS meint, generell hat der IS für die meisten Syrer eine eher kleine Bedeutung. Ich glaube, sie sehen den IS wie einen Schnupfen in der Welt von Pest und Cholera.)
Ahmed zeigt mir ein Handyvideo von Aleppo. So ein ähnliches kenne ich schon von Samira, die ich vor drei Monaten kennengelernt habe. Kein Video aus den Nachrichten, sondern eins direkt aus den Häuserschluchten. Zwei winzige, zerbrechliche Kameralinsen zwischen gewaltigen Gebäudezombies. Zerstört, zerbombt und komplett von einer Staubschicht bedeckt. Eine Geisterstadt … aber hier und da schauen alte Leute aus den Trümmern. In einem Video sieht man eine alte Frau, die eine schneeweiße Katze an sich drückt. Ahmeds Video hat Ton. Man hört, dass man nichts hört, außer dem Knirschen von Staub und Schutt bei jedem seiner Schritte. Es ist sehr still. „Die wohnen in ihren Gräbern“, entfährt es mir. Ich weiß nicht, ob mich jemand verstanden hat, aber irgendwie glaube ich schon. Alle am Tisch nicken.
Ahmed erzählt, wie das Leben in Aleppo in den letzten beiden Jahren war. Die Wasserversorgung beschreibt er als „schwierig“. Aber einen Tag im Monat kam noch Wasser aus der Leitung – mit Glück war es sauber – und damit kann man überleben. Strom gibt es nur über Generatoren. Hin und wieder haben sie ein Fußballspiel im Fernsehen geschaut – die WM in Brasilien – ein teures Vergnügen, denn der Diesel ist fast unerschwinglich geworden. Für eine Stunde Fernsehen brauchten sie Diesel für über 500 syrische Lira. Vor dem Krieg war ein US Dollar etwa 45 syrische Lira wert. Inzwischen bekommt man für einen Dollar 365 syrische Lira. Diesel kostet aber weiterhin den alten Dollarpreis. Ahmed zuckt mit den Schultern. Wir mögen Fußball sehr gerne, also haben wir den Diesel gekauft. Ich kann ihn gut verstehen. Man braucht auch mal etwas Ablenkung.
„Brot ist billig“, sagt Ahmed auf Deutsch, zuckt mit den Schultern und fährt dann auf Englisch fort: Du brauchst nur Glück und musst jemanden finden, der welches verkauft.

Erzähl den Deutschen, dass wir keine armen Leuten sind, die ihren Reichtum wollen, bittet Ahmed mich, als ich wissen möchte, was er den interessierten Deutschen sagen möchte. Wir wollen nichts Schlechtes nach Deutschland bringen. Wir sind nicht schlecht, weil Syrien im Moment schlecht ist. Es ist wie mit Hitler. Er lacht.
Zain mischt sich nun ein. Er wirkt besorgt, nicht glücklich über das Gesagte. Er sagt, dass es eine Veränderung braucht, bevor man etwas neu aufbauen kann. Auf allem Alten bricht das Neue zusammen.
Ja, sagt Ahmed. Hitler war ein schlechter Mann – aber Deutschland ist deshalb nicht schlecht. Vor 80 Jahren war Deutschland schlecht, heute ist es gut. Syrien kann in einigen Jahren wieder gut sein und neu aufgebaut werden.
Plötzlich kommt Bewegung in die Runde am Tisch. Alle beginnen auf Arabisch zu diskutieren. Ich frage mich, ob ich ihn missverstanden habe? Hat er jetzt gesagt, Hitler wäre gut? Nein, schwer vorstellbar. So mies ist weder sein noch mein Englisch. Was geht denn jetzt hier ab? Ich frage nach.
Zain erklärt mir, dass es immer zwei Seiten gibt und jeder nur seine Seite betrachtet und die andere für falsch hält. Er hält sein Handy zwischen uns.
Du siehst Glas, ich sehe Plastik, sagt er. Wir beide denken, der andere irrt sich. Außer, er lächelt, wir WISSEN, dass da eine zweite Seite ist.
Ich verstehe das Folgende nicht ganz, muss raten, aber ich denke, er sagt in sehr blumigen Worten etwas wie: Wissen kann ein Irrtum sein, das weiß man aber nicht, sonst würde man nicht denken, dass man weiß.

Ahmed scheint nun etwas gehemmt, als er von seinem Leben vor dem Krieg erzählt, aber seine Augen beginnen schnell wieder zu leuchten, als er erzählt, wie gerne er mit seinen Freunden zum Fußball gegangen ist. „Es gab vor fünf Jahren keine arme Leute“, sagt er. „Jeder hatte seine Arbeit, sein Haus, seine Familie. Für Arme wurde gesorgt. Schule oder Universität kostete nichts. Es war gut vor dem Krieg. Syrien war sehr schön. Wir haben es sehr geliebt.“
Zain und seine Frau wechseln vielsagende Blicke, während Ahmed spricht, aber sie lassen ihn ausreden, wenn auch mit sichtbarem Widerwillen. Klar wird: Hier sitzen zwei Parteien am Tisch, zwei vollkommen konträre politische Überzeugungen.
Ahemd erzählt mir noch, warum er Deutschland ausgewählt hat. Er ist vor vier Wochen gekommen und wusste bereits, dass es schwierig wird, weil sehr viele nach Deutschland wollen. Aber Deutschland ist groß (er meint, hier leben viele Menschen) und reich. Und er kannte und kennt bis jetzt kein anderes Land, in dem Syrer sicher sind – auch die Frauen – und in dem syrische Kinder gute Schulen besuchen können. Eine gute Schulbildung für sein Kind – das ist ihm das Wichtigste. Und er wollte sicher sein können, nicht nach Syrien zurückgeschickt zu werden. Wo gibt es das?, fragt er mich. In Deutschland.

In unserer Runde sitzen auch Nasan (35) und ihr Mann Zain (39). Beide sehen jünger aus als sie wirklich sind - die meisten Syrer wirken eher älter. Ich habe sie an den ersten Tagen für Helfer gehalten. Nasan trägt das Haar modisch kurz und schminkt sich täglich. Sie ist Friseurin. Zains Haare sind etwas länger als die der meisten Männer, er ist ein bisschen der Typ „älter gewordener Jon Snow“. Beide sehen immer sehr gepflegt und auf sportliche Art schick aus – ein sehr hübsches Paar. Sie haben zwei bildschöne Töchter und ein Baby.
Ich berichte überwiegend vom Dialog mit Zain, weil er Englisch spricht und daher mit mir geredet hat. Das Gespräch allerdings führte das Paar zusammen, er hat immer übersetzt, was sie nicht verstanden hat und oft haben sie sich abgesprochen, bevor er sprach.

Zain spricht besser Englisch als ich, er ist Geschäftsmann und hatte immer mit internationalen Konzernen zu tun. Seine Familie ist über mehrere Kontinente verstreut. Daher weiß er mehr von der Welt als die meisten Syrer – und genau das, diesen sehr eingeschränkten Blick, den man aus Syrien heraus hat, sieht er als großes Problem. Er erzählt mir, dass es für Syrer immer sehr schwierig war, ins Ausland zu reisen. Das war nur geschäftlich möglich – als Tourist hattest du keine Chance. Die syrischen Medien beschreibt er als einseitig. Wenn über Europa berichtet wird, dann fast nur über Deutschland, Frankreich und Großbritannien. Viele Syrer wissen nicht, dass es weitere Länder gibt und etwas über diese Länder zu erfahren, ist kaum möglich. Über Spanien und Italien wisse man kaum mehr, als dass die Menschen dort sehr laut reden. Frankreich gilt als fremdenfeindlich, Großbritannien als abgeschottet. Kaum ein Syrer, sagt Zain, kennt Holland, Polen oder Österreich. Man hört in Syrien nie von diesen Ländern.
Die Regierung, sagt er, will nicht, dass die Syrer die Welt sehen und auf neue Ideen kommen. Assad will, dass alles bleibt, wie es ist. Veränderung ist nicht erwünscht, und wer neugierig und interessiert wird, strebt nach Veränderung.
Es gibt nur eine einzige politische Partei, dafür für das kleine Land allein 17 (bekannte) Geheimdienste, die alle gegeneinander arbeiten – aber am Ende alle für Assad.

Und ja, erzählt er weiter, es stimmt schon, dass man vor dem Krieg ein gutes Leben in Syrien hatte. Aber nur, solange du still und leise warst, und den Kopf eingezogen hast – oder solange deine Meinung mit Assad konform ging. Hast du deine eigene Meinung gesagt, selbst in deinen Vierwänden, konnten deine Arbeit und dein Haus sehr schnell weg sein. Zain beschreibt den Druck auf die syrische Bevölkerung als leise und stetig. Es wurde nicht öffentlich gefoltert oder gemordet wie bei den Saudis. Trotzdem gab es viele Möglichkeiten der Erpressung. Wer die Wahrheit sagte, wurde als Lügner hingestellt – und das seit über 50 Jahren, denn solange ist die Assad-Familie an der Macht. Abweichende Meinungsäußerungen wurden „zerschlagen“ (er benutzt immer wieder das dramatische Wort to dash, das „zerschmettern“ bedeutet).

Ich sage ihm, dass ich viele Syrer als sehr gebildet erlebe. Schwer vorstellbar, dass sie nicht früher aufbegehrten. Natürlich, sagt er, in syrischen Universitäten lernen sie sehr viel. Aber sie lehren dort nur, wovon Assad will, dass die Leute es wissen. Eigenes Interesse, Nachfragen, freie Meinungsäußerung ist absolut unerwünscht. Es gibt keine einzige internationale, unabhängige Universität, alle sind unter der Hand der Regierung. Viele, die zur Universität gehen, sprechen nicht einmal etwas Englisch. Das kommt der Regierung entgegen – so bekommen sie weniger Informationen.
Er sagt dann sehr viel, das ich nur halb verstehe, einen Mischmasch aus Englisch und Arabisch. „Sie lehren Wissen, aber kein Denken?“, versuche ich es zusammenzufassen. Er nickt.

Das funktionierte viele Jahre und Jahrzehnte und hat Wohlstand gebracht. Aber dann wollten die Menschen mehr. Mehr Denken und mehr Freiheit, und erst dann haben sie gemerkt, wie eng die Grenzen von Assad waren. Daher wird es nie wieder Frieden geben können, solange Assad da ist. Die Menschen wollen jetzt das Gegenteil von dem, wofür die Assad-Familie lebt und sterben würde.
Ich denke bei seinen Worten, dass da eine Büchse der Pandora geöffnet wurde.
Das ist sehr neu für die Menschen, sie haben keine Erfahrung im Widerstand, fährt Zain fort. Das macht es riskant, denn sie werden leicht beeinflussbar, vor allem, wenn Verluste ins Spiel kommen. Wenn ich einen Bruder im Krieg verliere, sagt er, nur als Beispiel, dann kannst du mir danach alles sagen und verlangen, und ich werde es tun, wenn du versprichst, dass der Krieg dann aufhört. Das ist ein Problem. Die Syrer lassen sich zu viel sagen. Die Deutschen nicht – sie haben gelernt.
Du bist Autorin, Jenny, du wirst das verstehen: Die Syrer lesen zu wenig Bücher. Sie lesen ihre Fachbücher an der Universität und danach nie wieder eins. Daher können sie nicht aus Erfahrungen von anderen lernen, oder aus der Geschichte.
„Bücher als Waffe gegen Krieg?“, fragte ich augenzwinkernd. Er schaut mich sehr ernst an. Und sagt: Natürlich. (Und ich bekomme die Erpelpelle meines Lebens.)

Zain und seine Frau haben Bücher über Deutschland gelesen, bevor sie hergekommen sind, bis hin zu Büchern, wie wir in Deutschland unsere Häuser bauen (ich nehme an, er meint Architektur in Deutschland). Sie sagen mir, dass sie das Problem darin sehen, dass Geschichtsbücher immer von den Gewinnern geschrieben werden. Über die Verlierer kannst du schreiben, was du willst, meint Zain: Sie sind still und schämen sich und werden nicht widersprechen.
Ich bin da nicht ganz einer Meinung mit ihm, denke aber, er wird andere Literatur finden, jetzt, da er uneingeschränkten Zugriff auf Literatur aus aller Welt hat. Das hat er ja selbst als Problem in Syrien erkannt, die zensierten, eingeschränkten Medien, von denen die meisten Syrer gar nicht wissen, dass sie für sie handverlesen sind. (Woher auch?) Was mögen die beiden über Deutschland alles gelesen haben?

Die Fluchtgeschichte der Familie ist lang. Zain arbeitete die letzten beiden Jahre im Irak, weil es in Syrien zu gefährlich für ihn wurde. (Ich werde hinterher seine alten Facebook-Einträge lesen und feststellen, dass er seit Jahren ein leidenschaftlicher Kritiker von Assad war, der „Verbotenes“ dokumentierte und veröffentlichte. Es dürfte *ausgesprochen* gefährlich für ihn gewesen sein.) Im Irak war es aber wiederum nicht sicher für seine Frau und seine Töchter (zu viele Daesh (=IS)), weshalb diese bei Verwandten im Libanon waren. Oft konnte er sie Monate lang nicht sehen. Der Grund, warum sie nun alle zusammen geflohen sind, war die permanente Unsicherheit, wie lange es in der gesamten Region überhaupt noch irgendwo sicher sein wird – und ob es dann noch eine Möglichkeit zur Flucht geben wird. Die Angst, dass der Krieg sich weiter in die Nachbarstaaten ausbreitet, ist sehr groß. Assad droht permanent. 
Man ist sich auch überhaupt nicht sicher, ob Syrer noch länger in den angrenzenden Ländern bleiben dürfen. Die Menschenrechte sind anders definiert als in Deutschland, politische Strukturen sind instabil und Korruption ist ein großes Problem – es gehen Gerüchte um, dass irgendwann auf Druck von Assad (und Putin) einfach entschieden wird, dass alle Syrer zurück nach Syrien müssen.
Auch aus der Türkei?, frage ich, aber ich ahne die Antwort bereits, bevor ich sehe, dass er sie mir nicht geben will. Vor einigen Wochen sagte Samira, eine kurdische Studentin aus Aleppo mir, sie hätte unmöglich in der Türkei bleiben können. Die Kurden werden als erstes wieder vertrieben, fürchtete sie, und danach alle anderen Flüchtlinge. Dort fühlt sich niemand sicher. 
Natürlich kann ich nicht sagen, wie realistisch dieses Szenario ist. Aber die Ängste der Menschen, die sind sehr realistisch. Sie fürchten, dass sie, wenn sie jetzt nicht gehen, nie mehr lebend da rauskommen.
Ich möchte wissen, ob Deutschland so ist, wie die Familie es erwartet hatte. Nasan sagt etwas auf Arabisch, Zain spricht mit ihr, ich verstehe eine Verneinung, sie diskutieren, sind uneinig. Schließlich erzählt er mir, dass die Syrer ausschließlich positiv über Deutschland sprechen, damals wie heute. In den syrischen Medien war Deutschland seit 50 Jahren das Paradies, das Arbeit, Frieden und Freiheit für alle bietet, die fleißig arbeiten.
Ich hake nach, deute auf das Camp um uns herum. „Hast du erwartet, dass es so sein wird? Wochen in einer Turnhalle oder in einem Zelt? Du kannst ehrlich sein.“ Und dann … gibt er eiskalt vor, mich nicht zu verstehen. Ich glaube, dass er mich schon versteht. Ich weiß es. Aber ich denke, das Paar weigert sich, etwas Schlechtes zu sagen. Ich glaube, es geht von Nasan aus. Warum? Haben sie Angst, dass etwas, das Zain sagt, ihnen später vorgeworfen werden kann? Wollen sie nichts Schlechtes sagen, weil sie ihren Kindern (die beim Gespräch dabei sind und schon einiges verstehen) Zuversicht vorleben? Oder befürchten sie, mich zu kränken? Ich müsste raten. In unserem Gespräch belasse ich es dabei.
Zain ist politisch so interessiert, ich frage ihn, wie er die Zukunft für Syrer und Deutsche in Deutschland sieht. Die Kulturen sind unterschiedlich – die Religionen, das Frauenbild von einigen… (wobei ich sagen muss, dass ich bisher wirklich keinen Araber erlebt habe, der nicht freundlich und voller Respekt zu mir war!) - ich möchte von ihm wissen, ob er denkt, dass das zu Problemen führen wird.
(In diesem Moment bricht mir der Schweiß aus, ihm eine so heikle Frage gestellt zu haben. Er ist so kritisch mit seinem eigenen Volk – was, wenn er mir etwas sagt, das ich nicht hören will?! Kann ich das dann wirklich veröffentlichen?)
Er sagt: Alle Syrer an einen Ort zu bringen, gäbe große Probleme, sehr große. Sie würden Syrien dorthin mitnehmen und auch die schlechten Seiten. Natürlich sind Syrer unterschiedlich, aber die meisten sind sehr gerne angepasst. Daher macht die deutsche Regierung das sehr gut, wenn sie die Menschen über das ganze Land verteilt, sodass sie zwischen den Deutschen leben und Vorbilder in den Deutschen haben. Sie sehen ja, dass es funktioniert, wie ihr lebt, dass ihr Frieden und gute Leben habt. Sie werden das respektieren und annehmen. Ich bin ganz sicher, sagt er, denn so sind die Syrer.
Isoliert aber würden sie langfristig das Leben nachmachen, dass der Vater vormacht und vor ihm der Großvater.
„In einem syrischen Dorf in Deutschland würde eine altmodische Lebensweise kultiviert werden?“, hake ich nach, um sicher zu sein, dass ich richtig verstanden habe. „Kontakt ist wichtig für ein modernes Leben?“
Ja, erwidert er. Sehr, sehr wichtig. Und man muss den Menschen sagen, was richtig ist und was falsch. Viele wissen es nicht, sie mussten und durften darüber nie selbst nachdenken, aber sie halten sich gerne daran, wenn man es ihnen erklärt.
Ich muss wieder an Samira denken: Jenny, hat sie vor zwei Monaten zu mir gesagt, wir Araber sind nicht aus der Wüste, wir sind die Wüste. Wir können uns anpassen, Anpassung ist ja unser Leben. 
Samira und Zain kennen sich nicht, sie haben sich im Camp nie getroffen, sie sprechen sehr unterschiedlich, aber sie sagen dasselbe.
Zain beschreibt, dass die Entscheidung für Deutschland in einer „Familienkonferenz“ (ja, family conference - das war sein Wortlaut!) mit seiner Frau und seinen Töchtern gefallen ist. Sie hätten auch nach Schweden gehen können, dort hat er eine Schwester, und womöglich wäre wegen eines Bruders in den USA auch der Weg dorthin offen gewesen. Aber die Familie entschied sich aufgrund der besten Bildungsmöglichkeiten (gerade für Mädchen) für Deutschland.
Ich wünsche mir für meine Töchter, dass sie viel lernen. Sie sollen Bildung bekommen – aber auch klug werden, sagt er und zeigt mit einer Geste, dass er freies Denken meint. Und vielleicht kehren sie dann zurück nach Syrien und bauen mit ihren Erfahrungen ein neues, ein gutes Syrien auf. Jetzt gibt es dafür keine Chance. Aber in zehn Jahren kann das möglich sein.
Ähnlich lautet auch Ahmets Schlusswort. Wir wollen lernen. Deutschland hatte auch einen schrecklichen Krieg und hat danach alles besser gemacht.
Nicht besser, sagt Zain. Am besten! Optimal! Deutschland war der Feind von allen, niemand wollte mit Deutschland etwas zu tun haben. Und nun ist es die größte Macht in Europa und auf Augenhöhe mit den USA.

Ich bedanke mich herzlich bei allen und es tut mir schrecklich leid, im Austausch gegen all diese Erläuterungen nicht ein paar von den Informationen geben zu können, die die Familien so gerne hätten: Wie lange es wohl noch dauert, bis ihr Asylverfahren weitergeht? Wie es dann weitergeht? Aber ich weiß so wenig wie sie und ich bringe es nicht übers Herz, ihnen zu sagen, dass nach der Halle, in der sie jetzt wohnen, mit etwas Pech eine weitere Halle oder ein Zelt folgen.

Als ich auf dem Weg nach draußen bin, kommt Ahmed noch einmal allein zu mir. Die anderen haben ihn während des Gesprächs gebeten, besser nicht so über Hitler und die Deutsche Geschichte zu sprechen, sondern diplomatischer. Er solle nicht Assad mit Hitler vergleichen. Schließlich wüsste er nicht, wie ich darüber denke, es könnte sein, dass er mich damit beleidigt. Das wollte er keinesfalls! Keiner von ihnen!
Zumindest da kann ich ihn beruhigen und schicke ihn mit der Botschaft los, dass in Deutschland wohl jeder normal denkende Mensch Hitler für einen sehr, sehr schlechten Menschen hält, es aber kein Tabu ist, darüber zu reden.
Schön, dass wir geredet haben, Nasan, Ahmed und Zain. Danke. Shukran.

 
Werte 2.0: Das europäische Haus - Palast, Trutzburg oder Bruchbude

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