NOGIDA Heidelberg

NOGIDA Heidelberg

von Prof. Jochen Hörisch

Foto: D. Bechtel

Foto: D. Bechtel

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger!

Es gibt Szenen, die bei allem Frösteln und Erschrecken, die sie verbreiten, von unfreiwilliger Komik sind. Die Pegida-Demo-Szenen aus Dresden gehören dazu. Da singen Pegida-Demonstranten weder schön noch laut christliche Weihnachstlieder, um vor der Islamisierung des Abendlandes zu warnen. Dies sind nun aber ausgerechnet Lieder um eine übrigens recht eigentümliche Familie, die Asyl sucht und keinen Raum findet in der Herberge, also genau der Konstellation entspricht, gegen die Pegida vorgeht. Weihnachtslieder sind nicht Pegida-, wohl aber Nogida-tauglich: Notleidende offenherzig in die Gesellschaft aufnehmen!

Es gäbe Gründe genug, Pegida einfach zu verlachen. Etwa den, dass ausgerechnet Dresden und Sachsen Regionen mit verschwindend kleiner muslimischer Bevölkerung sind oder den, dass Lutz Bachmann, der Hitler-Imitator und Chef von Pegida, vor der Bedrohung des Abendlandes durch Islamisierungwarnt, aber als mehrfach wegen Diebstahl, Körperverletzung und Drogenhandel Vorbestrafter selbst eine handgreifliche Bedrohung seiner Mitbürger darstellt. Er ist der Typ, vor dem er immer gewarnt hat. Ein lachhaftes, aber eben auch gespenstisches Szenario. Und deshalb gibt es nicht nur Gründe zum Verlachen von Pegida, sondern noch mehr Gründe, gerade mit denen das klare und also kontroverse Gespräch zu suchen, die Gespräche verweigern.  

Solche Gesprächsverweigerungen kommen fast regelmäßig mit latent psychotischen Pauschalisierungen daher: die „Lügenpresse“ verdreht alles, die Politiker sind samt und sonders Pappnasen, der Islam als solcher ist gewalttätig, der Westen ist an allem schuld – aus solchen Sätzen erwachsen Pathologien und Gewaltsamkeiten. Wer nun aber seinerseits eins zu eins gegen solche Sätze, die Kommunikation abbrechen, polemisiert, kann ebenfalls auf vermintes Gelände geraten. Denn es ist trivial, aber nicht falsch, wenn man feststellt, dass die Presse zwar nicht per se Lügenpresse ist, es jedoch Falschmeldungen und Falscheinschätzungen in den Medien gibt, dass nicht alle Politiker unfähig und korrupt, einzelne Politiker jedoch in Skandale verwickelt sind und dass nicht der Islam, wohl aber islamistische Terroristen gestoppt werden müssen.

Interessant und seltsam zugleich ist es, dass Pegida-Leute solche Probleme eben gerade nicht analysieren und erörtern, sondern dumpf beschweigen.  Wer als Gegenreaktion ebenfalls mit Verschweigungs- und Tabugeboten reagiert, macht gutwillig einen schweren Fehler. Er überlässt Leuten, die Probleme nicht lösen, sondern eskalieren, nicht etwa die Diskurs-, sondern die dumpfe Schweigehoheit, das falsche Gefühl, zur schweigenden Mehrheit zu gehören. Und deshalb ist es gut, wenn wir hier heute und viele andere in diesem Land zusammenkommen, miteinander reden und demonstrieren, dass Pegida nicht die schweigende Mehrheit ist.

Das schöne alte und heute wieder neumodische Wort für Gespräche lautet ‚Diskurs‘. Ein ungemein präzises Wort. Meint es doch nicht den Konsens, sondern den Dissens, das diskurrieren (von lat. dis-currere), das in unterschiedliche Richtungen laufen. Weil wir unterschiedliche Überzeugungen und Meinungen haben, brauchen wir Diskurse – Gespräche, nicht Gewalt und nicht kollektive Psychosen. Unsere starke Gemeinsamkeit ist, unterschiedlich zu sein und unterschiedliche Meinungen zu haben – we agree to disagree. Solidarität mit sich selbst, mit den eigenen Standpunkten und den eigenen Leuten ist ein schlechter Witz. Solidarität mit denen, die anderer Meinung sind und eine andere Kultur pflegen, ist die eigentliche, zugleich aber auch eigentlich selbstverständliche Leistung. Auch wer (wie ich) einige, gar mehrere Karikaturen von Charlie Hebdo für geschmacklos, verletzend und kontraproduktiv hält, hat nicht trotzdem, sondern deshalb alle Gründe zu sagen: „Je suis Charlie“, wenn es einen Massenmord an Charlie-Mitarbeitern gibt. Auch wer nicht die Absicht hegt, zum Islam zu konvertieren (so wie der Protagonist von Michel Houellebeques neustem Roman es tut), hat heute angesichts einer Pauschalverdächtigung des Islam und aller Muslime Grund zu sagen „Ich bin Muslim - und ich bin Charlie.“ Wir solidarisieren uns mit den muslimischen Mitbürgern, die so deutlich machen, für wie unislamisch sie den islamistischen Terrorismus halten.     

Wären die terroristischen Massenmorde in Paris (und an vielen anderen Orten gerade auch der islamischen Welt  - ich nenne stellvertretend nur die Opfer von Boko Haram), die den Islam ungleich stärker beleidigen und Gott stärker lästern als die Karikaturisten, wären die Terroristen nicht so satanisch, könnte man auch ihre groteske Dimension zur Kenntnis nehmen: die Mörder von kecken bis rücksichtslosen Journalisten und Karikaturisten sterben ausgerechnet in einer Druckerei; islamistisch-antisemitische Terroristen enden ausgerechnet in einem koscheren Supermarkt. Gott, wenn es ihn gibt, hat einen seltsamen Humor, wie ein französischer Journalist bemerkte. Es ist mehr als nur eine Nebenbemerkung, wenn ich sage: wir müssen gerade bei Diskussionen um Pegida und den islamistischen Terrorismus und gerade in Deutschland wachsam im Blick behalten, wie stark, rücksichtslos und vernichtungsbereit sich eine gespenstische Form des neu-alten Antisemitismus breit macht. Vier der Opfer von Paris waren französische Juden; ein nicht genug zu bewundernder muslimischer Angestellter des Supermarktes, Lassana Bathaly, hat weitere Opfer verhindert und großartig gezeigt, was interreligiöse, interethnische und interkulturelle Solidarität vermag und dass diese Interkulturalität kein Theoriekonzept ist, sondern humanistische Praxis sein kann, sein muss. Und der muslimische Bürgermeister von Rotterdam, Ahmed Aboutaleb, der islamistischen Terroristen, die das westliche Leben für Sünde halten, darauf hinwies, dass sie nicht hier leben müssen, hat beeindruckend vorgeführt, wie eindeutig der Islam zu dem Europa gehört, das nicht in dumpfen Ressentiments versinken will.     

Die Terrorakte in Paris sind grotesk und grauenhaft zugleich; die Pegida-Demos sind bislang nur grotesk; an den militant Frommen und am come-back starker Religiosität hat der Teufel seine helle Freude. Diese meine Sätze mögen den einen oder anderen Gläubigen verletzen – sie und ich werden mit diesen und vielen anderen Sätzen und Bildern, die uns nicht gefallen, leben müssen, ohne einander an die Gurgel zu fahren oder diese vor laufender Kamera durchzuschneiden. Als Kirchensteuer zahlender Mensch (ich erwähne das, um zu signalisieren, dass ich nicht zu den schäumenden Religionskritikern gehöre) werde ich nicht militant, aber entschieden, wenn Religionen und Konfessionen, welche auch immer, mit Absolutheitsanspruch auftreten. Denn es ist, wie man spätestens seit Lessings Nathan wissen kann und zur Kenntnis nehmen muss, offenbar, dass Gott nicht offenbar, nicht evident ist. Sonst könnte es ja nicht Tausende von Religionen geben, die sich häufig gegenseitig feindlich gegenüberstehen. Es ist offenbar, dass Gott nicht offenbar ist – weil er das nicht will, weil er nicht allmächtig ist oder weil es ihn nicht gibt. Sollte es den einen und einzigen Gott geben, so lästern gegen ihn ausgerechnet die militant Frommen aller Religionen, die Gottes Willen, sich nicht verbindlich zu offenbaren, nicht akzeptieren, sondern satanisch bekämpfen. Gott, wenn es ihn gibt, hat sich in seiner unendlichen Großzügigkeit den erhabenen Scherz erlaubt, ein paar hundert bis tausend Offenbarungen zuviel hinab zu senden.

Und deshalb müssen wir mit profanen Erleuchtungen leben, gerade dann, wenn wir gottgefällig, nämlich friedlich miteinander leben wollen. Wir haben in Mitteleuropa nach zwei traumatisierenden Weltkriegen eine sieben Jahrzehnte lange Friedenzeit hinter uns – und wir müssen alles tun, damit aus diesen Jahrzehnten Jahrhunderte werden. Die profane Erleuchtung ist allen Menschen zumutbar: an Pegida-Märschen wie an religiös motivierten Weltbürgerkriegen hat allenfalls der Teufel ein Wohlgefallen.      

 
Oktober 2015

Oktober 2015

Die Überfahrt

Die Überfahrt