Narbenland

Narbenland

von Tanja Dückers

Foto: Susanne Schleyer

Foto: Susanne Schleyer

Auszug

aus Tanja Dückers "Hausers Zimmer", Roman
© Schöffling & Co. Verlagsbuchhandlung GmbH, Frankfurt am Main 2011
www.schoeffling.de

Auf dem Rückweg lief ich in Herrn Barak hinein, der gerade den Apotheken-Fahrradständer ins Ladeninnere holte, um dann abzuschließen. Es war schon dunkel. „Guten Abend, Fräulein Zürn. Wie geht’s?“
„Guten Abend!“
Ich war noch außer Atem. Weil es so kalt war, bin ich eben richtig gerannt. Und wäre ich jetzt nicht halb über den Barak gestolpert, stünde ich jetzt schon bei uns im Treppenhaus. Meine Eltern waren aber heute Abend bei einer Vernissage; auf Falk und mich würde aber eine leckere Quiche Lorraine mit Käse-Sahnesoße im Ofen warten, hatten sie gesagt.
Herrn Baraks dunklen Augen ruhten auf mir. „Wollen wir uns noch einen Moment lang unterhalten?“
Er öffnete die Tür mit erstaunlich entschiedener Geste.
Ich traute mich nicht, nein zu sagen.
Im Schaufenster bewegte ein Weihnachtsmann wie in Zeitlupe seinen Arm. In seinen bauchigen Rumpf war eine Badeölflasche eingelassen. Vor mir lag das dunkle Apothekeninnere. Vorsichtig betrat ich hinter Herrn Barak den lichtlosen Raum. Meine Augen gewöhnten sich nur langsam an die Dunkelheit. Wie auf einer sich schnell entwickelnden Fotografie tauchten all die Töpfe und Tiegel, die Fläschchen und Flaschen in den altmodischen Regalen auf. Bis zur Decke reichten sie, und in diesen Lichtverhältnissen hatte man das Gefühl, in das Zimmer einer Hexe oder eines Zauberers eingedrungen zu sein. Auch bildete ich mir ein, daß in der Luft ein besonderer Geruch hing – nach Krankheit und nach Kräutern.
Als ich hörte, wie Herr Barak den Schlüssel im Schloss hinter mir zudrehte, fuhr ich zusammen. Im nächsten Moment dachte ich, daß Herr Barak doch ein guter Mensch war und dass er mir sicher nur wieder etwas Privates erzählen würde. Etwas über seine Heimat und warum er jetzt hier bei uns in Deutschland lebte.

„Du erinnerst dich, ich wollte dir etwas Besonderes zeigen...,“ sagte er.
„Wieso duzen Sie mich jetzt?“ fragte ich.
„Entschuldige, das muß an dieser Situation hier liegen...,“ Herr Barak sah mich in der Dunkelheit an. Wir standen ziemlich nah voreinander. Ich betrachtete sein Gesicht, die Adlernase, die eng zusammenstehenden großen dunklen Augen, den erstaunlich weich wirkenden Mund, die abstehenden Ohren ... sein Gesicht, sein Körper, war eine komische Mischung aus kantig und schlaff ... irgend etwas an ihm zog mich an, und irgend etwas an ihm stieß mich ab ... was ich wohl täte, wenn er mir jetzt eine Hand ...
Plötzlich musste ich an meine Eltern denken. Sie würden es überhaupt nicht gut finden, dass ich hier im Dunkeln mit Herrn Barak...
„Komm“, sagte Herr Barak und legte eine Hand auf meine Schulter. Er nahm sie nicht weg, während er mich weiter nach hinten aus dem Verkaufs- in den Lagerraum schob. Seine Hand lag weich auf meiner kleinen Schulter. Ich konnte nicht sagen, ob sie mir unangenehm oder angenehm war. In der Glasscheibe einer Schiebetür sah ich unsere Gesichter gespiegelt. Herrn Baraks dunkler Schnauzbart war so breit wie meine Stirn.
„Warum können wir uns nicht vorne unterhalten?“ fragte ich plötzlich.
„Nein, nein, wenn jemand das dann jemand von der Straße sieht...“
Herr Barak wirkte ängstlich.
„Wie ... was,“ fragte ich harmlos nach und fasste mir im nächsten Moment für meine Naivität an den Kopf. Der will dich jetzt küssen und dir an die Wäsche, dachte ich. Scheiße, will ich das? Nein. Oder?
Ich suchte mit meinen Fingern den Lichtschalter. Endlich hatte ich ihn ertastet. Schneller als ich denken konnte, lag Herrn Baraks weiche Hand auf meiner.
„Ich lasse das Licht aus,“ sagte er plötzlich.
„Warum?“
„Damit du dich nicht zu sehr erschrickst.“
Wie konnte ich nur so blöd sein und diese Situation nicht richtig vorausahnen – was sollte ich jetzt bloß machen? Ich starrte auf den Tisch, auf dem eine lange Schere und ein Stück Mullbinde lag.

Aber Herr Barak machte keine Anstalten, mich zu berühren, geschweige denn mich auszuziehen. Er entfernte sich etwas, sortierte sogar kurz mehrere Akten, murmelte etwas in sich hinein.
„Guck mal, das ist meine Frau,“ er deutete auf ein Foto, das zwischen einem Heilkräuterkalender und einem Erste-Hilfe-Poster ein wenig schief an der Wand hing. Ich konnte wegen der Dunkelheit kaum etwas erkennen. Offenbar wollte er mich vernaschen, aber vorher klarstellen, daß es nur für einmal ist.
Herr Barak stand auf und zog sich plötzlich vor mir sein Hemd über den Kopf. „Komm näher, ich muß sie dir zeigen.“
Wen oder was meint er mit ‚sie’?
Ich sah im Dunklen die Furchen auf seinem Rücken. Da gab es Täler, Kuhlen, Striche und Linien wie die Spur von einem Tausendfüßler. Sein ganzer Rücken war mit Narben, Verkrustungen, Zigarettenbrandstellen übersät.
Plötzlich war ich sehr froh, daß es so dunkel war.
„Deine Phantasie reicht nicht aus, um Dir vorzustellen, was man mit mir gemacht
hat ... hattest Du als Kind Angst vor Monstern? Hat man Dir gesagt, dass es so etwas nicht gibt? Es gibt sie ... Sie haben mit Steinen auf meinen Körper geschlagen, bis meine Knochen brachen, sie haben mit Heftzwecken Schach auf meinem Rücken gespielt, einmal haben sie mich an einem heißen Tag, an dem alle Gefangenen und Wärter nur herumdösten, aus lauter Langeweile auf eine Eisenstange gedrückt, ich wäre fast verblutet. Aber weil sie herausfanden, dass ich am gleichen Tag wie der Herr und Meister Geburtstag habe, bin ich ... amnestiert worden. Man mich hat mich dann besser behandelt, also mich zu einem Arzt gebracht... deshalb nur habe ich überlebt. Seitdem interessiere ich mich übrigens für Medizin.“
Ich starrte Herrn Barak nur an.
Er trat noch näher an mich heran. Sein Hemd hatte er beinahe lässig über die Schulter gelegt. Er war ganz ruhig. Auch auf seiner Brust waren Narben. Manche schienen von ausgedrückten Zigaretten zu stammen.
„Bitte...,“ flüsterte er.
Er sah mich wieder so lange an. Langsam konnte ich in der Dunkelheit besser sehen. Als könnte er meine Gedanken erraten, sagte er: „Ja, die Iris muß sich erst einmal auf die veränderten Lichtreflexe einstellen.“

Dann nahm Herr Barak meine Hand, und ich staunte über die Kraft, die in dieser weichen, so schlaff aussehenden Hand steckte. Er hielt meine kleine Hand fest und näherte sie seiner Haut. Ich wollte schreien und tat es nicht. Er legt meine Hand auf seine Brust und begann, langsam mit ihr über seine Haut zu streichen. Dabei achtete er darauf, dass meine Hand jede Narbe auch wirklich in Gänze berührte. Er drückte meine Hand nicht fest in sein Fleisch, sondern genau so, dass meine Fingerkuppen sehr vorsichtig seine Haut befühlen konnten.
Ich stellte fest, dass es ganz unterschiedliche Narben gab. Manche mussten auf tiefe Verletzungen zurückzuführen sein, meine Finger glitten dann über harte Knoten – sie fühlten sich an wie das Rückgrat meines Bruders, wenn er sich bückte. Andere Narben waren eigentümlich weich, die Haut war an ihrer Stelle dünn wie Pergamentpapier. Und es gab Narben, die taten mir unter den Fingerkuppen weh – lang und dünn wie Nägel waren sie. Manche waren schnurgerade wie Pfeile, andere gewunden wie die Spur des Sanddornsafts, wenn meine Mutter ihn in einer Quarkschale verrührte. Braunrote, krustige Narben waren das.
Plötzlich hielt Herr Barak meine Hand los, und ich hörte ein Geräusch von raschelndem Stoff, etwas fiel auf den Boden. Dann ergriff er meine Rechte wieder und führte sie über eine tiefe Narbe, die bis zum Rand seiner Unterhose reichte. Er ließ eine lange lilarote Narbe in seinen Leisten nicht aus, machte aber keinerlei Anstalten, meine Hand in seine Unterhose zu führen.
Meine Zahnärztin, Frau Dr. Minkeritz, hatte einmal gesagt, die Zungenspitze und die Fingerkuppen würden von ihrer Wahrnehmungsweise her genau so wie Lupen funktionieren – sie gäben einem immer das Gefühl, dass alles viel größer sei als in Wirklichkeit. Deshalb hätte man bei einem Loch im Zahn immer gleich das Gefühl, der halbe Kiefer würde einem fehlen.
Während meine Hand jetzt über eine scheinbar endlos lange Narbe an Herrn Baraks Oberschenkel strich, zog ein Gewitter auf. Das fahle Licht der Blitze erhellte die Apotheke immer wieder für Momente. Jedes Mal erschrak ich, wenn plötzlich in der Dunkelheit eine rote breite Narbe vor mir aufleuchtete – oder eine dieser weißen Hautstellen irgendwo, deren Farbe nicht zu der von Herrn Barak zu passen schien. Manchmal fiel das Licht der Blitze auch auf die Tiegel und Bottiche auf den hohen Regalen. Bei drei dicht hintereinander folgenden Blitzen las ich „Si“ – „li“ – „cea“.

Als es mehrere Sekunden lang taghell war: „Ferrum Compositum“. Einmal leuchtete ein Feuerlöschgerät hellrot auf, danach, flammenfarben, eine Narbe unterhalb von Herrn Baraks Nacken. Einmal fiel das Licht auf den Gummischlauch eines Blutdruckmessgeräts, der wie eine tote Schlange auf der Anrichte lag, und danach auf einen lilaroten Narbenwurm auf Herrn Baraks Unterarm. Alles, was einen Moment lang im Licht stand, wurde im nächsten in eine Dunkelheit getaucht, die tiefer zu sein schien, als die, die ihr vorausging. In diesem unablässigen Flackern wirkten Herrn Baraks Körperteile wie voneinander losgelöst; es war, als würde der Hinterraum der Apotheke von unendlich vielen verstümmelten Körpern angefüllt sein. Für Sekunden wurden sie auf einem leuchtenden Thron emporgehoben, der Dunkelheit, dem Vergessen entrissen, um dem nächtlichen Berlin – niemals schlief es, überall knisterte, raschelte, tuschelte und verdaute es - gezeigt zu werden. Herrn Baraks geschundener Körper war einem Blitzlichtgewitter ausgesetzt ... was hier stattfand war eine stumme Parade von Wunden... und ich streckte meine Hände nach ihnen aus...
Es dauerte lange, bis Herr Barak mich über all seine Narben geführt hatte.
Das Gewitter zog weiter, und Herr Barak ließ meine mittlerweile schweißnasse Hand los. Dann streichelte er mir kurz über die Wange und küsste mich plötzlich auf die Stirn.
Flink zog er sich wieder an und geleitete mich hinaus. Auf dem Weg zur Tür riss er noch zwei Packungen Hustenbonbons und Fruchtgummis von einem Drehständer und drückte sie mir in die Hand.
„Für dich.“
Wieder sah ich zu all den Töpfen und Tiegeln hinauf, die ich jetzt in der aufkommenden Dämmerung viel besser erkennen konnte.
Herr Barak hätte sich bestimmt umbringen können, mit einem dieser Mittelchen, aber er hatte es nicht getan.

 
Wo die Vögel kreisten, waren die Inseln nicht weit

Wo die Vögel kreisten, waren die Inseln nicht weit

Werte 2.0: Das europäische Haus - Palast, Trutzburg oder Bruchbude

Werte 2.0: Das europäische Haus - Palast, Trutzburg oder Bruchbude