Deutschland, im Advent 2015

Deutschland, im Advent 2015

von Kathrin Lange

Foto: Susanne Krauss

Foto: Susanne Krauss

Heute Morgen reicht es ihm. Wenn er diese Alte schon sieht, dann kommt es ihm hoch, echt! Wie sie dasteht. Vor ihm. Neben der Adventsdeko. In der Schlange beim Bäcker. In diesem weißen Mantel, der wahrscheinlich mehr gekostet hat, als er im Monat verdient.
Wohlstandspack!
Jawoll, das ist sie.
Wo sie wohl ihr Geld verdient? Wahrscheinlich bei einer Bank. Die kleinen Leute ausnehmen, das können solche Typen. Klar. Ihm sein sauer verdientes Geld aus der Tasche ziehen. Soll die sich doch mal bei VW ans Band stellen! Oder auf den Wochenmarkt, bei zehn Grad minus. Hat die schonmal erlebt, wie sich 8,50 Euro Stundenlohn anfühlen? Eher nicht. Die Mahnung von der GEZ gestern geht ihm nicht aus dem Kopf. Dabei hatte er doch extra fünfzig Euro gespart, weil er vor Weihnachten noch mit Nina ins Kino gehen wollte.
Essig ist’s damit. Scheiße auch.
Wie lange steht er hier jetzt schon? Eine Viertelstunde mindestens. Dabei will er nur ein einziges Brötchen kaufen. Aus dem Radio neben der Kaffeemaschine dudelt „Last Christmas“.
„Geht das jetzt da endlich mal weiter?“, mault er. 
Die Frau dreht sich zu ihm um. Wenn sie ihn jetzt auch noch anlächelt, dann reicht es ihm wirklich. Dann sagt er ihr seine Meinung. Aber so richtig! Die musste nämlich bestimmt noch nie aufs Kino verzichten, um eine Rechnung bezahlen zu können. Nee, die nicht.

Aber die Frau lächelt nicht. Sie schaut nur, dann dreht sie sich wieder um, weil sie an der Reihe ist.
„Zehn Brötchen“, bestellt sie. „Vier davon Vollkorn.“
Die Verkäuferin lächelt. „Wieder Frühstück bei der syrischen Familie?“
Die Frau im weißen Mantel nickt, und er ärgert sich. 
Nicht genug, dass Leute wie die da existieren. Jetzt muss sie auch noch einen auf Gutmensch machen. Klar! Ist ja auch einfach, wenn man einen guten Job hat und sich keine Sorgen darüber machen muss, woher das Geld für die nächsten Rechnungen kommt. Kotzen könnte er über so viel Selbstgerechtigkeit. Wie sie ihn eben angeschaut hat! Wahrscheinlich denkt sie, er könnte auch mehr tun. Sich engagieren. Wenn er das schon hört. Was soll er schließlich machen? Er kommt ja selbst kaum über die Runden.
Mit diesen Flüchtlingen frühstücken? Ihnen die Brötchen mitbringen. Wie dämlich ist das denn? Als hätten die nicht genug Geld, sich selbst welche zu kaufen. Weiß ja jeder, dass die mehr kriegen als ein Hartz-IV-Empfänger.
Obwohl: In der Zeitung stand ja neulich, dass das gar nicht stimmt. Dass die Flüchtlinge sogar deutlich weniger kriegen als Deutsche. Auch Zahlen standen dabei, aber die hat er sich nicht gemerkt. Warum eigentlich nicht? Ist ja schließlich nicht so, dass er die Presse für verlogen hält. Er ist ja kein Nazi. Und er ist auch nicht dämlich. Er weiß schon, dass die Lage schwierig ist, im Moment. Mit all den Menschen, die da kommen und ein Dach über dem Kopf brauchen. Die tun ihm ja auch irgendwie leid. Haben vermutlich eine Menge mitgemacht. Und das sind natürlich auch nicht alles Diebe und Attentäter. Klar. Er denkt sowas nicht. Er informiert sich ja. Man muss genau hingucken. Darf sich nicht von diesem Hass anstecken lassen.
Aber diese Alte im weißen Mantel, die geht echt gar nicht. Er sieht zu, wie sie mehrere Münzen auf den Tresen legt, um die Brötchen zu bezahlen. Soll die doch mal mit vierhundert Ocken pro Monat auskommen. Mal sehen, ob die dann noch den Nerv hat für Flüchtlingsarbeit.
„Last Christmas“ ist endlich vorbei. Die Radiomoderatorin spricht von Innenminister de Maizière und der Kanzlerin. Er hört nur mit halbem Ohr hin.
Die Frau verabschiedet sich und geht an ihm vorbei. Sie riecht gut, aber nicht nach Parfüm, sondern nach Seife. Dieselbe Seife, die er auch benutzt. Jetzt lächelt sie ihn doch noch an.

Wehe, du machst so einen Gutmenschenspruch, denkt er. Dann geig ich dir aber meine Meinung. Jawoll!  „Ach, Frau Müller!“, ruft die Verkäuferin hinter der Frau her. Sie nimmt zwei Plunderteilchen aus der Auslage, packt sie in eine Papiertüte, die natürlich sofort durchfettet.Die Frau im weißen Mantel dreht sich um, und die Verkäuferin reicht ihr die Tüte über den Tresen. „Nehmen Sie die noch mit. Weil Advent ist. Die Kinder essen die doch bestimmt gern.“ Die Frau im weißen Mantel bedankt sich, dann geht sie. Sie lächelt.  Die Verkäuferin wendet sich ihm zu. „Eine tolle Frau, finden Sie nicht auch?“
Er will den Kopf schütteln, aber er traut sich nicht. Also zwingt er sich zu einem Nicken, und sein Magen verkrampft sich dabei vor Ärger. „Mindestens einmal die Woche kommt sie her, kauft für die Flüchtlinge Brötchen und geht zu ihnen, um mit ihnen zu frühstücken“, sagt die Verkäuferin. „Müsste sie ja nicht.“
„Nein“, murmelt er. „Müsste sie nicht. – Ein Normales bitte.“
Die Verkäuferin tut sein Brötchen in eine Tüte. „Müsste sie nicht“, wiederholt sie und reicht die Tüte über den Tresen. „Siebenundzwanzig Cent, bitte.“ Er steht da und sieht der Frau im weißen Mantel nach und denkt an die billige Seife, nach der sie gerochen hat. Er schweigt. Im Radio sagt die Moderatorin: „Blitzer auf der B1 am Ortsausgang von Kemme. Fahren Sie vorsichtig und genießen Sie Ihren Tag.“

 
Die Überfahrt

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