Der Botschafter des Sudan

Der Botschafter des Sudan

von Björn Kern

Leseprobe

Foto: Suskia

Foto: Suskia

Vor dem Restaurant Nil war die Markise ausgefahren, auf die es regnete, nicht stark, aber beständig, der Botschafter und ich waren die einzigen Gäste, vielmehr war ich sein einziger Gast. Wir saßen nebeneinander, mit dem Rücken zum Restaurant, und betrachteten den Spreewaldplatz, über den grimmige Radfahrer hetzten, unter bunten Kapuzen, mit gesenktem Kopf. Der Botschafter war wie immer in schwarz gekleidet. Schwarzes Polohemd, schwarze Stoffhose, nicht der feinen Sorte, tatsächlich waren seine Kleider leicht abgenutzt. Am Kragen, an einem Saum oder einem Ärmel fand sich meist ein weißlicher Fleck, nicht aufdringlich, von der Sesamsauce auf einem der Teller, die der nachlässige Teil seiner Kundschaft auf den Tischen stehen ließ. Sommer wie Winter trug der Botschafter Pantoffeln aus Leder. Socken trug der Botschafter nicht.
„Sehen Sie, ich bin hier hervorragend vernetzt“, sagte der Botschafter. „Christian Ströbele und die Bezirksbürgermeisterin zählen zu meinen Freunden, den Kulturstaatssekretär darf ich einen treuen Gefährten nennen, und auch den Parlamentspräsidenten kenne ich von einem Botschaftsempfang.“
„Alle Achtung“, sagte ich.
„Aber nein, mein Freund. Keine große Sache. Gehört zum Geschäft.“

Es folgte einer jener Momente, in denen wir nicht miteinander sprachen. Ich sorgte mich, dass der Botschafter mein Schweigen missverstehen und ins Innere seines Schnellrestaurants verschwinden könnte, um die Stühle korrekt vor den Tischen zu platzieren und das schmutzige Besteck vom Geschwirrwagen zu nehmen und in einen wassergefüllten Eimer zu tauchen.  Ich sagte: „Der Tee ist ganz ausgezeichnet!“  Der Botschafter blieb.


„Mein Freund“, sagte er, „warum ich trotz meiner lieben Bekannten in Wirtschaft und Politik Ihre Hilfe benötige, ist folgender.“ Wieder versuchte ich, die winzigen Augen in dem schwarzen Gesicht nicht als kleine Punkte, sondern als lebendige Verkörperung seiner Seele wahrzunehmen; ich fand nicht, was ich suchte, stellte meinen Blick scharf, konzentrierte mich auf das eine, dann auf das andere Auge, hatte bald das Gefühl, den Botschafter unzulässig anzustarren und wich aus. Ich legte die Hand vor mein Herz. „Sollte ich helfen können, so helfe ich gern.“
Der Botschafter bekam einen Anruf, zog sein Handy hervor und sprach in einem Arabisch, das weniger hart war und weniger fauchte, als ich es kannte, mindestens fünf Minuten lang. Ich war froh, dass der Botschafter nicht aufstand, das Gespräch nicht anderswo führte; vor seinen einsamen Kunden, die auf weit voneinander entfernten Bierbänken ihr Shawarma verschlangen, schmückte ich mich gerne mit ihm.


„Mein Onkel“, sagte er, als er auflegte. „Direkt aus dem Sudan. Al-Mahdi – Ihnen sicherlich ein Begriff.“
„Bedaure“, sagte ich.
„Aber nicht doch. Die Welt ist groß. Vorsitzender der Ummapartei. Kandidat für das Präsidentenamt. Rechtmäßiger Inhaber der Volkssouveränität. Vom Militär abgesetzt. Schlimme Zustände zuhause, ganz schlimm.“
Er zog die Tonlage seiner Stimme seltsam weit nach oben, als würde er singen oder weinen oder auch nur verzweifelt sein.
Ich drückte abermals mein Bedauern aus.
Es war mir peinlich, dass der Botschafter des Sudan über Deutschland alles und ich über den Sudan gar nichts wusste. Ich musste mich konzentrieren, um die Hauptstadt mit Khartum zu benennen, und nicht Djibouti oder Kinshasa einzuflechten. Der Botschafter des Sudan kannte Aurich, Lörrach und Ulm.
„Die Welt ist zu groß für uns“, sagte der Botschafter. „Oder wir sind für sie zu klein. Wir sind nicht gleichgültig, wir begreifen nur nicht die Zusammenhänge. Möchten Sie Tee?“
„Wie kann ich helfen?“, fragte ich.
„Es geht um einen ehemaligen Botschaftsmitarbeiter, im Rang noch unter dem Kulturattaché.“
Der Botschafter kniff die Augen zusammen und zielte auf einen weit entfernten Passanten.
 „Peng!“, sagte er, wobei ihm die eine Silbe wieder nach oben verrutschte.


Für den Botschafter des Sudan wäre ich zu fast allem bereit gewesen, doch die Arbeit war glücklicherweise schon erledigt. Der Mann war bereits tot. Der Botschafter bat mich nur um den Nachruf. Geplanter Arbeitstitel: Der miese Hund. Sein Tod als frühes Weihnachtsgeschenk für uns alle. Ich lernte: Der Mitarbeiter war ein schwerer Rassist gewesen, hatte deutsche Frauen beleidigt, deutsches Essen gehasst, deutsche Produkte gemieden.
Ich wandte mich zum Tresen. Die alkoholkranke Frau, die ich oft schon mittags in den Büschen des Görlitzer Parks liegen sah, stand in der kurzen Reihe der Kunden. Sie hatte sich blondiert und doch wirkten ihre Haare wie eingestaubt. Sie bestellte Shawarma. Und Makali. Und Halloumi. Und einen Karottensaft. Sie bezahlte nicht einen Cent. Yussuf reichte ihr die Gerichte mit einer leichten Verbeugung. Er war der einzige Mitarbeiter des Botschafters. Die alkoholkranke Frau schüttete Nordhäuser Doppelkorn in den Saft, versteckte das Fläschchen in ihrem Slip, der aus ihrer violetten Hose ragte und trank noch im Stehen.
„Den Nachruf schicken wir an alle Zeitungen, national wie international, ich kenne die Redaktionen!“
Der Botschafter zückte Stift und Papier.
„Und was ist mit der Botschaft?“, fragte ich, sobald der grobe Aufbau des Nachrufs stand.
„Nur noch eine Frage der Zeit!“

***

In den nächsten Tagen blieb der Botschafter verschwunden. Ich suchte ihn nicht. Es war nicht einfach, nicht zu helfen. Es verbat sich, ihm die Hilfe, um die er nicht bat, anzubieten. Es verbat sich, ihm die Hilfe, die er benötigte, vorzuenthalten. Es war ein schwierig Ding mit der Hilfe. Ich würde dem Botschafter nicht mehr in die Augen sehen können, wenn ich ihm Hilfe anbot, die er nicht brauchte. Auch Yussuf konnte ich nicht fragen, ohne den Botschafter zu beleidigen. Er hatte mich nicht um Hilfe gebeten, also half ich nicht. Etwas sagte mir, dass ich damit den Kern seiner Botschaft verletzte.
Wer war zuständig für ihn? Die Ausländerbehörde? Die Arbeitsagentur? Die sudanesische Botschaft wohl kaum. Vielleicht hatte er nur einen Schlafsack zusammengefaltet. Vielleicht quälte ihn nur ein hartnäckiger Husten. Vielleicht ging es ihm gut.
Ich machte mich auf den Weg zu meiner Bank. Die Dame am Schalter fragte ich, wieweit ich überziehen könne. Sie tippte meine Kontonummer in den Rechner, wartete und scrollte meine spärlichen Einnahmen auf und ab, hier mal hundert Euro, dort mal zweihundertzehn.
„Im Grunde gar nicht“, sagte sie dann.
„Und wie viel ist noch drauf?“
„Neunundachtzig Euro und vierzehn Cent.“
„Dann hätte ich gerne neunundachtzig Euro und vierzehn Cent.“
„Neunzig kann ich Ihnen schon geben.“
„Hundert?“
„Leider nein.“

***

Während seiner Abwesenheit hörte ich wieder öfter den Deutschlandfunk, nicht über das Handy, sondern über den Rechner, denn ich verließ kaum noch das Haus. Es war mir unerklärlich, warum Yussuf meine Fragen nicht beantwortete. Teilte er meine Sorge um den Botschafter nicht mehr? Wusste er etwas, was ich nicht wusste? Und warum sagte er mir das nicht?
„Khartum. In der sudanesischen Krisenregion Darfur haben Milizen mit Plünderungen und Brandstiftungen fast vierzigtausend Menschen in die Flucht getrieben. In den Flüchtlingslagern Kalma und Al-Salam nahe der süd-darfurischen Hauptstadt Nyala seien rund neunzehntausendfünfhundert neue Flüchtlinge angekommen, teilte die Internationale Organisation für Migration am Dienstag mit.“
Die Tage wurden wärmer, die Sonnenstrahlen, die endlich in meine Erdgeschosswohnung fanden, erschienen mir auf einmal wie eine Zumutung, ich hielt die Vorhänge geschlossen, kniff die Augenlider zusammen gegen das unnötige Licht, die erste Flasche Wein öffnete ich selten nach Mittag. Seit dem Verschwinden des Botschafters wusste ich endlich, wer er eigentlich war. Nicht, dass ich seinen Namen in Erfahrung gebracht hätte, das nicht. Doch in seiner Abwesenheit war er mir zu dem geworden, der er immer sein wollte. Zum Botschafter des Sudan.
Ich begann den Konflikt in Darfur zu verstehen. Den Konflikt im Südsudan.
Der Botschafter war noch immer verschwunden.

***

Dann folgte unerwartet sein Anruf, ich hörte die Mailbox ab. Seine Stimme aufgeregt, erneut seltsam hoch.
„Mein lieber Freund, dringend müssen wir uns treffen! Ich habe wichtige Dinge mit Ihnen zu besprechen. Es gibt Neuigkeiten, und diese Neuigkeiten sind schlecht. Es geht um Dr. Karim Abbas Ali. Er hält weiterhin die Botschaft besetzt. Wir werden unter meinen Freunden aus Wirtschaft und Politik stärker Unruhe verbreiten müssen. Kommen Sie ins Restaurant, sobald sie dies hören. Ich bitte Sie aus der Tiefe meines Herzens heraus. Christian Ströbele habe ich soeben schon freundlich einbestellt. Bitte rufen Sie mich schnellstmöglich zurück. Auf Wiederhören, mein Freund.“

***

„Es sieht gut aus, mein Freund. In Kürze beziehen wir die Botschaft, nur noch ein paar administrative Hürden, Ströbele und die Bezirksbürgermeisterin werden sie für mich ausräumen, Kleinigkeiten, wenn Sie mich fragen, unbedeutend und an der Grenze zur Lächerlichkeit, ich sage es Ihnen, nur noch eine Frage der Zeit.“
„Meinen Glückwunsch!“, sagte ich. Es klang weniger überzeugt, als ich es meinte.
Der Botschafter saß vor einem großen Ordner in seinem Restaurant, das nun doch nicht seines war; etwas in seinem Auftreten hatte sich verändert, in eine Richtung, die mir nicht gefiel. Die Strickjacke, die sonst vor seinem Bauch etwas gespannt hatte, hing nun schlaff an ihm herunter, seine schwarze Hose schien noch ein wenig fleckiger geworden zu sein. Sein Gesicht war tiefschwarz, es wäre falsch, von Blässe zu sprechen; doch wenn es nicht die Gesichtsfarbe war, dann war es etwas im Ausdruck, das wie verblasst aussah.
„Sie glauben mir nicht, weil Sie die neue Faktenlage nicht kennen. Strategisch stehen wir auf der besseren Seite. Höchstens ein oder zwei Wochen noch!“
„Selbstverständlich glaube ich Ihnen. Wie sieht die neue Faktenlage denn aus?“
 Zwei Tische weiter saß ein sehr alter Mann, der sich mit zittrigen Bewegungen Löffel um Löffel seiner Linsensuppe einverleibte, tief über seinen Teller gebeugt, das Schlurfen tönte lautstark zu uns herüber. Der Botschafter beachtete den Mann nicht. Alte Menschen zahlten nicht im Restaurant Nil. Und wenn sie lautstark schlürften beim Essen, dann hörte man ihr Schlürfen nicht. Mich aber widerte das Geräusch an. Meine Falafeln schmeckten auf einmal so – feucht. Es klang, als würde der Mann seine Suppe durch einen löchrigen Strohhalm saugen und dabei zusätzlich aufstoßen.


„Zunächst einmal hat sich das Blatt in der Presse gewendet. Spiegel, Zeit, Deutschlandfunk – alle haben sich klar gegen Dr. Karim Abbas Ali ausgesprochen. Alle fordern einen Nachfolger, der eine wirkliche Botschaft hat, der nicht nur ein trinkender Botschafter ist.“
„Also Sie?“, fragte ich.
„Zumindest wäre ich nicht die schlechteste Wahl. Auch wenn mein Name bislang nur hinter vorgehaltener Hand gehandelt wird. Dr. Karim Abbas Ali hält jedenfalls einen verlorenen Posten. Über verdeckte Kanäle, derer sich mein Onkel bedient, machen wir den Weg frei. Berlin wird es sich nicht leisten können, den Präsidenten von morgen vor den Kopf zu stoßen. Das Wort meines Onkels gilt im Auswärtigen Amt bereits mehr als das al-Baschirs.“
Das Schlürfen des alten Mannes war nun, da er am Tellerboden angelangt war und sich den Suppenrest über den Tellerrand direkt in den Mund goss, in ein röhrendes Gurgeln übergegangen, ich stellte meinen Teller beiseite, ich konnte so einfach nicht essen.
„Sollte die Wahl auf meine Bescheidenheit fallen, lieber Freund, so kann ich Ihnen garantieren, dann repräsentiere ich nicht, dann kläre ich auf. Ich werde laut sein und unhöflich, was mir schwerfallen wird, so laut und so unhöflich, bis man meine Botschaft erhört. Meine Botschaft wird allgegenwärtig sein. Denn ich bin der Botschafter des Sudan.“
Ich war beeindruckt. Wenn ich bislang Schwierigkeiten gehabt hatte, den Botschafter als Botschafter zu sehen, so schien er zumindest mit seiner Botschaft Gehör zu finden. Ganz gleich, ob ein Wechsel in die Botschaft tatsächlich bevorstand. Ich hatte den Botschafter unterschätzt. Ich hatte ihn nicht unterstützt, ich hatte ihn überprüft. Seine Botschaft hatte ich dabei überhört.
„Alle Achtung“, sagte ich.
„Ja“, sagte der Botschafter, „es wird ernst. Möchten Sie weiterhin einen Posten?“
„In jedem Fall werde ich Ihre Botschaft im Rahmen meiner Möglichkeiten voll und ganz unterstützen.“
Der Botschafter legte die Hand vors Herz.
„Das weiß ich zu schätzen!“
„Aber wie lautet sie denn nun“, fragte ich, „Ihre Botschaft?“
Der Botschafter ließ den Kopf sinken, wies verzweifelt auf meine übrig gebliebenen Falafeln, er wirkte auf beinahe kränkliche Weise kraftlos, sobald ihn die Körperspannung verließ, die Strickjacke war ihm nun deutlich zu weit.
„Ich dachte, wir wären schon weiter, mein Freund.“

***

Seine Festnahme erfolgte am nächsten Tag. Der Rundfunk Berlin Brandenburg hatte einen kurzen Beitrag über ihn in den Abendnachrichten gebracht. Der Unterton war gutwillig, dennoch lief das Stück unter Vermischtem, nicht unter Politik. Die Redaktion war offenkundig stolz, einen Kauz aufgetrieben zu haben. Und nun das Wetter. Auch die gedruckte Ausgabe des Tagesspiegels brachte ein kleines Portrait, ebenfalls unter Vermischtem. Der Botschafter war mächtig stolz, als er sein Foto am Morgen in der Zeitung sah.
„Sehen Sie, mein Freund, es geht voran!“
Der Botschafter war weniger denn je in der Lage, die Botschaft zu beziehen, er war nicht einmal mehr in der Lage, neuen Tee vom Tresen zu holen, oder den Tee, den ich für ihn geholt hatte, auch nur zu trinken, ich war schon froh, wenn er sich auf der Bierbank aufrecht hielt und einige Minuten am Stück nicht hustete, meistens aber husteten wir nun zusammen, im Stillen nannte ich es das Duett der Schwindsüchtigen, ich musste dringend zum Arzt.
„Nur noch ein klein wenig Geduld!“
Noch vor Mittag hielt ein Wagen der Bundespolizei vor dem Restaurant. Zwei Beamte stiegen aus, ein Mann, eine Frau, und liefen zum Restaurant. Die tun nichts, sagte ich mir, die haben nur Hunger. Als der Mann das Restaurant betreten wollte, fiel sein Blick auf den Botschafter, der unter der Markise in der Sonne saß.
„Vielleicht wäre es angebracht, zu verschwinden“, sagte ich leise, die Polizisten waren noch dreißig Meter entfernt.
„Die tun nichts“, sagte der Botschafter und klopfte auf sein Ebenbild im Tagesspiegel, das ausgebreitet vor ihm auf der Tischplatte lag, „ich bin heute morgen eine kleine Berühmtheit!“
„Eben drum“, sagte ich.


Es ging dann alles sehr schnell. Ich kann nicht behaupten, dass die Polizisten den Grundsatz der Verhältnismäßigkeit wahrten. Ausgerechnet die Sätze der Frau gerieten zu markig für meinen Botschafter, mein Puls schnellte in die Höhe, die Beamten beachteten mich nicht. Was bilden die sich ein, dachte ich, wie reden die mit meinem Botschafter, sehen die nicht, dass ihnen ihre Uniform in Kreuzberg keine Autorität verleiht?
„Vielleicht wünschen die Dame und der Herr zunächst einen Tee?“, fragte der Botschafter.
„Ein letztes Mal. Ihre Papiere, bitte.“
„Nun, sehen Sie, meine Herren, meinen Ausweis, den habe ich zurzeit genaugenommen nicht hier.“
„Sie sind verpflichtet, jederzeit ein Ausweisdokument und Ihren Aufenthaltstitel mit sich zu führen.“
„Aber, meine Dame, ein Stück Papier!“
„Zwei.“
„Ich bitte Sie, setzen Sie sich zu mir, genießen Sie die Sonne. Seien Sie bitte mein Gast.“
„Ihnen wird vorgeworfen, sich unrechtmäßig in der Bundesrepublik Deutschland aufzuhalten.“
Der Botschafter lachte und klatschte in die Hände, ich saß neben ihm wie erstarrt.
„Verstehe! Sie verwechseln mich mit Dr. Karim Abbas Ali. Der hält sich nicht nur unrechtmäßig in der Bundesrepublik, sondern auch unrechtmäßig in der sudanesischen Botschaft auf. Wenn Sie möchten, kann ich Sie hinführen, sie befindet sich auf dem Kurfürstendamm.“


„Ich weiß nicht, ob Ihnen Ihre Lage bewusst ist“, sagte der Mann. „Wenn Sie sich nicht ausweisen können, müssen wir Sie zur Ausländerbehörde mitnehmen.“
„Jetzt?“
„Verstoß gegen das Aufenthaltsgesetz.“
„Sie regeln meinen Aufenthalt mit einem eigenen Gesetz?“
„Machen Sie sich nicht lustig“, herrschte ihn nun die Frau wieder an.
Die Eskalation setzte mit einem kleinen, körperlichen Übergriff ein, die Beamtin fasste den Botschafter am Oberarm. Der Botschafter sprang auf und wischte sich über die befleckte Stelle, er wankte, hielt sich kaum auf den Beinen, er versuchte, einen Schritt zurückzusetzen, um Standfestigkeit zu gewinnen, was nicht gelang, da ihm die Bierbank in die Kniekehlen drücke. Einen Moment kehrte Schweigen ein, die Frau wurde von ihrem Kompanieführer in Schranken gewiesen. Dann hustete der Botschafter, aus der Tiefe seiner Lunge heraus, das war kein Husten, wie ich es kannte, das war eine Attacke, die ihm den Atem raubte, er hielt keine Serviette in den Händen, und bevor ich ihm eine reichen konnte, spuckte er Blut.
„Sie können ihn unmöglich mitnehmen!“, rief ich.
„Und Sie sind?“
Ich trat aus der Bierbank und stellte mich zwischen die Beamten und den Botschafter, was die Frau offenbar als Bedrohung empfand, sie war einen Kopf kleiner als ich, sie berührte ihren Schlagstock, hinter mir versuchte der Botschafter, nun doch zu fliehen, was mich wütend machte.


Der Beamte musste nicht einmal rennen. Er setzte dem Botschafter hinterher, der in viel zu großer Hose viel zu kleine Schritte machte, wobei er sich auch noch an den Bierbänken abstützen musste, er wirkte wie betrunken. Er wurde von hinten in den Polizeigriff genommen, er schlug nicht einmal um sich, zu schwach war er, zu atemlos, der Beamte drückte ihm sein Knie in den Rücken, der Botschafter ging zu Boden.
„Ich werde das melden!“, rief ich.
„Wenn Sie so weitermachen, nehmen wir Sie auch noch mit.“
Dann schloss sich die Tür des Polizeiwagens hinter dem Botschafter, ich sah ihn kurz durch die Seitenscheibe, gab ihm mit kritzelnden Handbewegungen zu verstehen, dass ich schreiben würde, ich hielt die Hand ans Ohr, auch telefonieren würde ich, dann ließen die Polizisten eine Jalousie herunter, ich rief durch die verschlossene Scheibe: „Ich hol Sie da raus!“
„Versprechen Sie nicht zuviel.“
Ich drehte mich um. Hinter mir stand Yussuf, der die Festnahme offenbar aus seinem Restaurant heraus verfolgt hatte. Die Arme hatte er über seinem Bauch verschränkt. Ich begriff nicht, wie ruhig er war. Vor dem Restaurant skandierten einige Punks, natürlich gegen Bullenschweine, was mir auch nicht recht weiterhalf.
Yussuf blickte dem abfahrenden Polizeifahrzeug hinterher.
„Wussten wir nicht alle, dass es so kommt?“

***

Vordergründig war die Kundgebung für den Botschafter ein Erfolg gewesen. Ströbeles Ansprache wurde in Auszügen in der Tagesschau gesendet und fand sich auf Spiegel Online wieder. Über tausend Kreuzberger hatten ihre Postkarten ausgefüllt und die Petition gegen die Abschiebung unterschrieben, doch dann verlor die Sache an Dynamik. Nach den tausend Unterschriften waren zwar noch einige hundert im Netz hinzugekommen, doch weder die Petition gegen die Abschiebung des Botschafters, noch die Postkarten des Aktionsbündnisses Sudan waren ausreichend gezeichnet.
Ich holte die Aktion aus dem Internet zurück auf die Straße. Auf dem Spreewaldplatz, vor dem Restaurant Nil, errichtete ich einen Stand, auf denselben Pflastersteinen, auf denen einst der Botschafter einen errichtet hatte. Zu diesem Zeitpunkt beherrschten Meldungen aus Syrien, Tschetschenien und von der Krim die Nachrichten. Als ich den Kaschmirkonflikt und den Krieg in Afghanistan begriffen hatte, unterschrieben die Kreuzberger bereits gegen brennende Ausbeutungsbetriebe in Bangladesch, gegen die Zustände in Lampedusa, von denen ihnen die Dealer berichteten, und sicherheitshalber mal wieder gegen die israelische Siedlungspolitik.
Die wenigen Kreuzberger, die vor dem Restaurant Nil stehenblieben, hatten bereits gezeichnet; sie klopften mir auf die Schulter und zweifelten an meinem Verstand. Abdel Ummah Muhammed vom Aktionsbündnis Sudan veranlasste weitere Sammlungen in Pankow, Schöneberg, Charlottenburg, Wilmersdorf und Neukölln. Doch nach der fünfzehntausendsten Postkarte war Schluss; und die Petition gegen die Abschiebung des Botschafters hatten nicht einmal fünftausend Kreuzberger gezeichnet.
Im Grunde zog mich die ganze Aktion herunter. Ich hatte hunderten Kreuzbergern den Konflikt erklärt, und was taten die Nachrichten aus Darfur? Sie verschlechterten sich. Offenbar hatte sich der Botschafter in seiner Botschaft geirrt. Im Südsudan waren derweil die Friedensverhandlungen gescheitert. Es gab nicht einmal mehr Gespräche über anstehende Gespräche.
In der somalischen Hauptstadt Mogadischu explodierte eine Autobombe der al-shabaab-Milizen, aus den Bergen Belutschistans wurden neue Anschläge der Separatisten gemeldet, aus dem Süden Chiles ein schweres Seebeben.
Irgendwie hatte ich mich verrannt.
Vor dem Restaurant Nil protestierten derweil die Punks gegen angeblich gestiegene Bierpreise.
Als ich am zweiten Tag in Folge keine einzige Unterschrift mehr bekam, baute ich den Stand auf dem Spreewaldplatz wieder ab. Auch in den anderen Stadtteilen und im Internet zeichnete kaum einer mehr.
Ich rief Christian Ströbele an. Auf einmal erreichte ich wieder nur sein Büro. Ströbele sei in Moskau, raunte mir sein Mitarbeiter zu. Mehr dürfe er nicht verraten. Wenige Tage später sah ich Ströbele auf den Titelseiten ausnahmslos jeder Tageszeitung, neben ihm Edward Snowden. Der amerikanische Geheimdienst, ließ Ströbele wissen, sei derzeit die größte Gefahr für Recht und Freiheit des Individuums.
Ich rief die Bezirksbürgermeisterin an. Sie ging persönlich ans Telefon, sie war herzlich wie immer, doch hatte ich diesmal den Eindruck, dass sie eine Weile nicht wusste, mit wem sie sprach.
„Der Botschafter“, sagte sie dann. Ob der noch immer in Untersuchungshaft sei?
„Leider nicht mehr“, sagte ich.
Die Bezirksbürgermeisterin bedauerte glaubhaft. Allerdings fehle ihr für eine neue Aktion gerade die Zeit. Die Dealer hielten sich leider nicht an das Agreement, nicht in der Nähe von Spielplätzen zu handeln. Daher werde sie noch in der übernächsten Woche den ersten Coffee Shop einweihen. Zum Smoke-In sei ich herzlich eingeladen, sie setze mich auf die Gästeliste, bis dann!
Ich rief Asena Akbay an, auch wenn ich mir von dem Anruf nicht mehr viel versprach. Sie reagierte bestürzt auf das Scheitern der Petition, allerdings trage sie gerade ihre Anwaltsrobe. Das Gericht habe eine zwanzigminütige Unterbrechung angeordnet, danach verhandle sie das Schicksal eines im Görlitzer Park aufgegriffenen Dealers, der angeblich Kokainkugeln in einem Sandkasten versteckt habe. Ihm drohe die Abschiebung. Asena bat um Verständnis. Sie rufe zurück.
„Asena, warte!“
„Ich glaube, du verstehst nicht. Ich helfe Menschen, die noch im Land sind, damit ihnen nicht passiert, was deinem Botschafter passiert ist.“
„Ich wusste nicht, dass er illegal hier ist“, sagte ich. „Wir alle wussten es nicht.“
„Du hättest wenigstens Anklage erheben können. Ein Fausthieb der Beamtin ins Gesicht? Ein rüder Stiefeltritt?“
„Asena, da war nichts.“
„Es zwingt dich keiner, im Rahmen des Gesetzes zu bleiben, wenn das Gesetz nichts taugt. Ich muss auflegen.“
„Warte. Ich wollte dich die ganze Zeit fragen –“
„Ob ich mal einen Tee mit dir trinke, ich weiß. Whiskey wäre mir allerdings lieber“, sagte sie.
Dann legte sie auf.

Das Vermächtnis des Botschafters – eine gescheiterte Unterschriftenaktion, ein nach ihm benannter Spezialitätenteller und eine Anwältin, die mich behandelte wie ein unverständiges Kind? Wütend schlug ich auf die dünne Spanholzplatte meines Schreibtischs. Ich musste den Botschafter missverstanden haben. Wieder und wieder ging ich durch, was ich mit ihm erlebt hatte. Dr. Karim Abbas Ali. Die alkoholkranke Frau. Christian Ströbele. Der alte Mann, der seine Suppe schlürft. Die Bezirksbürgermeisterin vor dem Spätkauf. Eine Autobahn in der Wüste. Ein ehemaliges Konsulat, im Mietkauf zu erwerben. Asena Akbay. Sinupret, höchstpersönlich erfunden. Der Buchhändler. Die deutsche Bundespolizei.
Ich kam nicht weiter.
Es blieb mir nichts, als die Arbeit des Botschafters im Restaurant Nil zu übernehmen.
Ich bediente die Gäste, von denen Yussuf kein Geld nahm. Ich sammelte ihre Servietten auf, setzte die alkoholkranke Frau zurück auf ihre Bank, wusch hin und wieder Geschirr. Ich grüßte die Kreuzberger, die Kreuzberger grüßten mich. Mal lud ich einen Straßenverkäufer, mal einen Dealer zum Tee.
Was tun?, fragte ich mich.

***

 
Wie wir leben wollen

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Das Schicksal der Sterne

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