Das Schicksal der Sterne

Das Schicksal der Sterne

von Daniel Höra

In dem kleinen Grenzort hatten sie tagelang festgesessen, weil niemand sie abholen kam. Sie riefen mehrmals am Tag die Schlepper an, abwechselnd mit ihren altersschwachen Handys, denen man dabei zusehen konnte, wie sie langsam den Geist aufgaben. Und jedes Mal wurden sie am Telefon vertröstet.

Ihre Vorräte schmolzen dahin und sie mussten bei den Dorfbewohnern um Essen betteln. Sie waren sich sicher, von den Fluchthelfern betrogen worden zu sein, und überlegten bereits, wie sie in ihre Heimatorte zurückkehren konnten, da tauchte eines Abends ein Jeep auf. Wortlos wurden sie auf die Rückbank gedrängt und der Jeep preschte los. Sie fuhren auf Schleichwegen über die Grenze in den Iran, wo sie bald in einem Dorf hielten. Dort blieben sie mehrere Tage. Sie wurden Tag und Nacht eingesperrt, damit niemand sie sah. Schließlich setzten die Schlepper sie in einen Linienbus nach Teheran. Dort würden sie am Busbahnhof abgeholt werden, hieß es. Als sie nach stundenlanger Fahrt ausstiegen, war niemand da, um sie in Empfang zu nehmen. Dafür war überall Polizei. Die Frauen banden sich Kopftücher um, wie ihnen von den Schleppern geraten worden war, um die Religionspolizei nicht auf sich aufmerksam zu machen.

Sie warteten mehrere Stunden, und als niemand auftauchte oder auf ihre Anrufe reagierte, beschloss das junge Ehepaar, mitsamt dem Schwager zu verschwinden. Sie hatten einen Bekannten in Teheran, den sie anriefen und der sie abholen kam. Nuria entschied sich dafür abzuwarten. In einem Shop vor dem Bahnhof kaufte sie eine Karte für ihr Handy und versuchte erneut, die Fluchthelfer anzurufen. Umsonst.

Zwei Tage warteten sie auf dem Busbahnhof, schliefen hinter Büschen, immer in Angst vor der Polizei, bis der erlösende Anruf kam. Es habe Probleme gegeben, hieß es auf die Frage, warum sich niemand bei ihnen gemeldet habe. Die Behörden machten ihnen hin und wieder Ärger, entschuldigten sie sich.

Die Schlepper brachten sie in einem Haus in der Nähe des Flughafens unter. Ein paar Tage müssten sie sich noch gedulden, sagten sie. Sie würden noch auf ein paar Leute warten.

Die Unterkunft war morsch wie ein alter Zahn. Ständig musste man Angst haben, durch eines der alten Dielenbretter zu krachen. Wasser gab es nicht, das holten sie sich vom Flug- hafen, wo sie auch die Toiletten benutzten und sich wuschen. Sie stöberten in den Abfalleimern nach Essbarem. Angesichts der vielen gut gekleideten Menschen auf dem Flughafen, von denen manche Frauen wie Filmstars aussahen, fühlten sie sich wie menschlicher Müll, wie Ratten, die unter den angeekelten Blicken der Menschen vor sich hin vegetierten.

Einmal stand Adib vor dem Flughafengebäude und sah die Luft über dem Asphalt in der Hitze flirren. Er hatte den Eindruck, am Rand eines schwarzen Ozeans zu stehen. Irgendwo auf einem fremdem Planeten. Er befürchtete, das Meer könnte aufreißen und ein schreckliches, giftiges Ungeheuer rausspringen und ihn hineinziehen. Für einen Moment wünschte er sich fast, dass es so kommen würde, denn die Langweile war unerträglich.

Adib lernte wie besessen Deutsch. Es war das Einzige hier draußen, das ihn ablenken konnte. Er nervte Nuria und seine Brüder, weil sie ihn ständig Vokabeln abfragen mussten.

Am fünften Tag luden die Schlepper eine ganze Wagenladung Flüchtlinge vor dem baufälligen Haus ab. Es waren bestimmt zwanzig.

Am Abend des darauffolgenden Tages wurden sie abgeholt. Man verteilte sie auf mehrere offene Kastenwagen. Die Flücht-linge mussten sich auf die Ladeflächen kauern, dann ging es in halsbrecherischem Tempo los. Sie fuhren fast ohne Pausen, hielten nur kurz an, damit die Fahrer sich am Steuer abwech- seln konnten. Gepinkelt wurde in Plastikflaschen, für größere Geschäfte hockte man sich auf die Strebe der Ladefläche und schob den Hintern raus. Dabei mussten die anderen einen festhalten, sonst konnte es passieren, dass man bei einem Schlagloch runterfiel und mit dem nackten Arsch auf der Schotterpiste landete. Viele verkniffen sich diese erniedrigende Prozedur.

Kurz vor der Grenze ging es zu Fuß weiter über die Berge in die Türkei. Die Schlepper hatten Pferde dabei, auf denen sie die kleinen Kinder und schwangeren Frauen reiten ließen. Die anderen liefen und liefen. Die Blasen an ihren Füßen waren bald so groß wie Männerfäuste. Doch darauf konnte niemand Rücksicht nehmen, und so marschierten sie weiter, kletterten wie die Bergziegen über Vorsprünge, Abhänge, Schluchten, Felsfor- mationen, um endlich, nicht allzu weit entfernt, ein türkisches Dorf zu sehen. Ihnen allen war festlich zumute, als wären sie auf einer Art Pil- gerschaft und hätten einen wichtigen Abschnitt ihres Weges erreicht. Selbst die Kinder hörten auf zu quäken und blinzelten mit offenen Mündern über die Ebene. Wind kam auf, und sie meinten, die Luft würde irgendwie anders riechen. Milder. Zwar war das noch nicht Europa, aber sie waren von dem Verspechen auf Zukunft, Sorglosigkeit, Wohl- stand und Freiheit nicht mehr weit entfernt. In Europa würden sie alle Arbeit finden, Geld verdienen, würden nicht verfolgt, geschlagen, gefoltert, getötet werden, würden in Frieden leben können. In Europa könne jeder glücklich werden, hieß es. Dort bekäme jeder eine Wohnung und ein Auto.

Vorher aber hielten sie noch an einem Dorf, wo sie von den Frauen etwas zu essen vorgesetzt bekamen. Gekochtes Gemüse, Reis, Fladenbrot, das sie mit muffigem Wasser runterspülten. Als einer der Schlepper sich über den Geschmack des Wassers beschwerte, erzählten ihm die Frauen von dem Schaf, das im Brunnen ertrunken und verwest sei, bevor man es entdeckt hät- te. Der Schlepper spuckte in hohem Bogen aus und fluchte. Die türkischen Frauen lachten und zwinkerten Adib und Tahir zu. Ihnen war nicht klar, ob sie einen Scherz gemacht hatten.

Mitten in der Nacht wurden die Flüchtlinge aus dem Schlaf gerissen und auf mehrere Jeeps verteilt. Diesmal ging es direkt nach Istanbul. Im Morgengrauen überquerten sie die Galatabrücke und fuhren über das Goldene Horn in den europäischen Teil der Stadt. Die aufgehende Sonne färbte das Wasser rötlich und erinnerte Adib an den Mars. Und genauso fremd war ihm zumute.

Das Haus, in dem sie endlich landeten und das für die nächste Zeit ihr Heim sein sollte, lag in der Nähe des Hafens. Der Wind wehte je nach Windrichtung eine Mischung aus Fisch- und Dieselgestank zu ihnen herüber. Das Haus war früher wohl mal ein Palast gewesen. Jetzt war es nur noch ein Gespenst.

Es wohnten noch andere Flüchtlinge dort. Adib zählte mindestens hundert Menschen. Wie sich herausstellte, kamen die meisten aus Syrien. »Wie lange seid ihr schon hier?«, wollte Adib wissen. »Ewig«, winkte der Mann ab, den er gefragt hatte. »Monate. Ich habe aufgehört, die Tage zu zählen.« Adib wurde mutlos. Die Ungewissheit zerfraß ihn, und er musste sich zwin- gen, an etwas Gutes zu denken.

Nachts schliefen alle in einem großen Raum, der früher vielleicht einmal als Tanzsaal gedient hatte. Von den Wänden blätterte die Farbe, die Dielen waren aufgequollen und bildeten ein wildes Gebirge aus Buckeln und Tälern. Wer Pech hatte und einen schlechten Platz erwischte, musste mit dem Kopf in einer Senke schlafen. Doch Hauptsache, man fand überhaupt einen Platz.

In der Dunkelheit geisterten die Scheinwerfer der Hafenkräne durch das Haus, strichen wie gelbe Finger über die Wände, als würden sie nach etwas suchen. Hin und wieder wurde das Haus erschüttert, wenn ein Container zu Boden krachte. Dann schrien die kleinen Kinder, bis ihre Mütter sie beruhigten. Ständig stand jemand auf und wanderte nervös hin und her. Manchmal schrie einer der Erwachsenen im Schlaf. Manchmal auch im wachen Zustand, bis die anderen zischten und versuchten, ihn zum Schweigen zu bringen.

Tagsüber durften sie das Haus nicht verlassen und das ständige Zusammensein mit den anderen zerrte an ihren Nerven. Dauernd gab es Streitereien, Prügeleien, Diebstähle.

Adib verlor die Lust an allem. Er magerte ab. Der erzwungene Stillstand ließ auch seine Gedanken stillstehen. Seine Bücher lagen nutzlos herum, und als eines Morgens eines fehlte, machte ihm das nichts aus. Er starrte tagsüber auf das Wasser, das träge wie Öl hin und her schwappte. Seinen Brüdern erging es ähn- lich. Seine Mutter wusch und flickte ihre Wäsche und richtete mit den anderen Frauen das Essen her: Brot mit Tomaten und Käse. Trotz all der Hindernisse versuchten sie so etwas wie Normalität aufrechtzuerhalten. Aber es war wie ein Theaterstück ohne Zuschauer. Man spielte für sich selbst, um die Illusion zu wahren.

Nach zwanzig Tagen wurden sie alle im Morgengrauen geweckt. »Es geht los«, flüsterten die Leute. Hektik entstand. Jemand trat auf Adibs Finger, ein anderer haute ihm in dem Chaos seine Tasche gegen den Kopf. Im Nu waren alle auf den Beinen. Den Kindern wurde eingeschärft, ruhig zu sein. Aber die hielten sich nicht dran und schrien wie kleine angeschossene Tiere.

Im Hinterhof standen mehrere Kleinbusse mit verdunkelten Scheiben für sie bereit. Im Gedränge ging Adibs jüngerer Bruder Tahir verloren. Sie riefen seinen Namen, spähten in die Busse. Vielleicht war er ja irgendwo mit eingestiegen. Die Schlepper drängten zur Eile. Es gebe einen straffen Zeitplan und sie wollten doch nach Europa. »Na also, dann los, steigt ein. In einem der Busse wird der Junge schon sein.« Farid bestand darauf, in den anderen Bussen nach Tahir zu suchen, aber die Schlepper ließen nicht zu, dass sie deswegen die ganze Flucht gefährdeten. Betreten gab er nach. »Wir fahren alle zusammen«, sagte einer der Schlepper. »Ihr könnt ihn später suchen, wenn wir eine Rast machen.«

Aber das war anscheinend eine Lüge, denn als sie losgefahren waren, sah Adib, wie sich die Busse aus dem Konvoi lösten und in verschiedene Richtungen fuhren. Er sagte seiner Mutter nichts davon.

 
Der Botschafter des Sudan

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Shades of brown - „Worte gegen rechts“

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